Berlin. Bei Ö3 kann man neuerdings anrufen und sich bei Menschen, die einem ganz unaufgefordert etwas Gutes getan haben, bedanken. Das ist sozial und kehrt das Gute im Menschen hervor. Ganz Ähnliches versuchte Lone Scherfigs Berlinale-Eröffnungsfilm "The Kindness of Strangers": Das sonst so beschwerliche Leben nicht schönzureden, sondern es dafür zu feiern, wie menschlich und wie wunderbar gütig wir alle miteinander sein können, wenn wir nur wollen. Scherfigs Film ist wie das Gefühl, wenn man aus großer Höhe in Zeitlupe in ein kuschelweiches Sofa fällt, man kennt das aus der Werbung. Und ein Film, der so ist, der kann sich nicht ganz ernst nehmen, eigentlich. Aber er tut es trotzdem.

Verschiedene Personen treffen hier in einem New York aufeinander, das einerseits der coolste Postkartenplatz der Welt ist, an dem man hauptsächlich Sightseeing macht, andererseits aber eben auch aus Suppenküchen für die Obdachlosen besteht, die vom Nötigsten gar nichts haben und schon gar keine "Health Care". Als Modellstadt für Lone Scherfigs Versuchsanordnung über ein besseres menschliches Zusammenleben ist die Stadt also bestens geeignet, ganz einfach, weil es in ihr die größten Extreme gibt, die größten Gegensätze.

Lustige Sozialtristesse

Eine junge Mutter (Zoe Kazan) zweier Söhne ist mit ihren Kindern hierher gekommen, weil der Vater, ein Polizist, seine Buben schlägt; die Frau ist auf der Flucht, für die Kinder aber soll der Trip wie Urlaub sein. Völlig mittellos gerät sie mehr und mehr in die Enge und muss bald schon an der Obdachlosenausspeisung teilnehmen. Dort lernt sie andere Menschen kennen, die wiederum mit ihren Schicksalen zu kämpfen haben, darunter auch eine heillos überforderte, aber herzensgute Krankenschwester (Andrea Riseborough) oder einen Ex-Häftling (Tahar Rahim), der in einem Lokal (geführt von Bill Nighy) kocht.

Die dänische Regisseurin verwendet viel Energie darauf, all ihre Episoden irgendwie dramaturgisch zu verknüpfen, und das geht normalerweise auch problemlos, solange es sich um US-Rom-Coms handelt, bei denen ohnehin jeder weiß, dass sie mit der Realität nichts zu tun haben, also bloße Utopien sind. Doch Scherfigs Sozialtristesse mit Spaßfaktor zeigt eben auch, dass ein Himmel nicht voller Geigen hängen kann, wenn da keine Seile sind, an denen sie sich befestigen ließen, weshalb ihr Film über das Gute im Menschen von großer Gefühlsduselei ist, noch verstärkt von einem nervenden Score, der sich bei jeder menschelnden Szene einmischt. So wird "The Kindness of Strangers" schnell zum süßlichen Sozialkitsch, der die These vertritt, dass so mancher Fremde da draußen einem mehr Güte entgegenbringt als die eigene Verwandtschaft; so soll eine Gesellschaft sein: Man übt sich darin, einander mit Rücksicht und Respekt zu begegnen, anstatt egoistisch wegzuschauen. Das ist reichlich naiv, aber wo, wenn nicht im Kino, sind solche Luftschlösser heute noch erlaubt?