Jenseits der Realität

Die Realität verkennen so einige hier, rund um die Berlinale. Dieter Kosslick schwirrt bei seiner letzten Berlinale herum und ist plötzlich der Liebling der Medien, die sich allesamt bei ihm mit großen Abschiedsinterviews bedanken, obwohl sie ihn bis vor einem Jahr noch geprügelt hatten. Aber wer zu seiner letzten Festival-Edition das US-Kino gleich ganz rauslässt und sieben Filme in den Wettbewerb hievt, die von Frauen inszeniert wurden - satte 40 Prozent! -, der verdient diese Huldigung. Sie bildet nur nicht die Realität ab: Weder haben Frauen prozentuell nur annähernd so viele Regiejobs, noch ist das US-Kino verzichtbar. Ein bisschen Luftschloss ist diese Filmauswahl also schon auch.

Immerhin öffnet sich der Noch-Chef langsam auch den neuen Sehgewohnheiten der Zuschauer: Nicht nur gibt es mit "Berlinale Series" neuerdings eine eigene Reihe, die dem seriellen Erzählen gewidmet ist und in deren Rahmen auch David Schalkos ORF-Serie "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" nach Fritz Langs Filmklassiker im Zoo Palast zu Kinoehren kommen wird (ab 17. Februar in ORFeins), sondern auch Netflix fasst Fuß: Im Wettbewerb läuft Isabel Coixets "Elisa y Marcela", der von Netflix finanziert wurde. Die Berlinale zeigt den Film aber nur, weil man ihm in Spanien eine Kinoauswertung zugesagt hat, versichert Dieter Kosslick. Es scheint, als kämen derzeit weder das Kino noch die Streamingportale ohneeinander aus. Ersteres braucht die Inhalte, die die traditionellen Studios nicht mehr zu liefern imstande sind, Letztere brauchen das Prestige des Lichtspielhauses, das sie überhaupt erst in die Nähe von Filmpreisen vorrücken lässt. Auch die deutsche Kulturministerin Monika Grütters meldete sich in dieser Causa vor der Berlinale zu Wort, angesichts eines dramatischen Zuschauerschwundes in deutschen Kinosälen von 17 Prozent im Jahr 2018: Das Kino, sagt sie, muss ein Ort der Kultur bleiben, an dem gesellschaftliche Themen verhandelt werden. Das klingt nach staatlicher Bestandsgarantie für eine gefährdete Spezies. Und spätestens jetzt würde unter Lone Scherfigs Regie ein Streicherensemble einsetzen. Der Filmverband könnte dann bei Ö3 anrufen und sich bedanken.