Weltpremiere für Österreichs Beitrag im Wettbewerb der 69. Berlinale: Die Grazer Regisseurin Marie Kreutzer, die 2011 in Berlin ihr Langfilmdebüt "Die Vaterlosen" vorstellte, kehrt mit "Der Boden unter den Füßen" in das Wettbewerbsprogramm zurück und erhielt schon beim Presse-Screening großen Applaus.

"Der Boden unter den Füßen" berichtet von einer Lebenskrise: Die 30-jährige Lola (Valerie Pachner), die als Unternehmensberaterin Firmen restrukturiert (und dabei zahllose Entlassungen vornimmt) leidet unter der psychischen Erkrankung ihrer Schwester Conny (Pia Hierzegger), die nach einem Selbstmordversuch in einer psychiatrischen Anstalt festgehalten wird und die Nähe zu Lola sucht. Die aber ist mit ihren 100-Stunden-Arbeitswochen im fernen Rostock beschäftigt - doch die zunehmende Verschlechterung von Connys Zustand zwingt Lola zur vermehrten Kontaktaufnahme. Dabei gerät sie selbst in einen Strudel aus psychischen Belastungen, die sie über ihre Grenzen hinaus führt; zugleich leidet ihr Liebes-Verhältnis zu ihrer Chefin (Mavie Hörbiger) unter der familiären Schieflage. Bald muss sich auch Lola die Frage stellen (lassen), ob sie psychisch krank ist.

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"Ich arbeite sehr intuitiv", erzählt Marie Kreutzer bei der Pressekonferenz in Berlin. "Ich mache alle meine Filme auf dieselbe Weise, und da ist es mir auch wichtig, genug Spielraum zu haben, in der Gestaltung der Filme". Doch diesmal wäre Kreutzer an der Aufgabe fast gescheitert, sagt sie. "Bei sehr frühen Testscreenings des Films gab es durchwegs auch negative Reaktion, das bin ich bisher nicht gewöhnt gewesen von meinen Filmen, denn meistens fühlten sich darin die Zuschauer sehr wohl. Das brachte mich kurz an den Rand der Verzweifelung: Bin ich am Ende doch keine Regisseurin, sondern habe ich mich bislang nur so durchgeblöfft? Würden nun alle merken, dass ich das gar nicht kann?"

Die Regisseurin Marie Kreutzer kehrt mit "Der Boden unter den Füßen" auf die Berlinale zurück und erhielt schon beim Presse-Screening großen Applaus. - © Katharina Sartena
Die Regisseurin Marie Kreutzer kehrt mit "Der Boden unter den Füßen" auf die Berlinale zurück und erhielt schon beim Presse-Screening großen Applaus. - © Katharina Sartena

Genau an diesem Punkt aber sei Kreutzer auf das wahre Thema ihres Films gekommen: "Darum geht es: Dass es viele von uns gibt, die unsicher sind, ob sie sich und der Gesellschaft genügen und die einen unglaublichen Druck im Job aufbauen".

"Der Boden unter den Füßen", den die Protagonistinnen im Film zu verlieren drohen, ist bloß ein wackeliges Fragment in einer leistungsorientierten Gesellschaft, die keine Rücksicht auf private Befindlichkeiten nimmt. Kreutzer arbeitet gut heraus, wie der Moloch Arbeitswelt uns aufzufressen imstande ist, dabei lässt der Film jedoch stellenweise auch Ähnlichkeiten mit "Tony Erdmann" von Maren Ade erkennen, wenngleich sich "Der Boden unter den Füßen" viel schwermütiger mit dem Thema befasst.

Zugleich ist die psychische Erkrankung der Schwester (die es auch in Kreutzers Verwandtschaft tatsächlich gegeben hat, wie der Abspann verrät) auch ein moralisches Drusckmittel auf die Hauptfigur, die damit nicht umgehen kann.

Getragen wird der von Leena Koppe mit großer, der Dramaturgie zuarbeitender Eleganz fotografierte Film von seinem Darstellerinnen-Ensemble: Alles voran Valerie Pachner brilliert in diesem emotional aufwändig zu spielenden Stück, dessen Herausforderungen darin liegen, die unsichtbaren mentalen Verwirrungen der Protagonisten sichtbar zu machen, ohne sie dabei bloßzustellen. Pachner dosiert ihr Spiel mit sehr viel Feingefühl und Präsenz. Die Berlinale hat eine erste Anwärterin auf den Darstellerinnen-Preis.