Berlin. Für Fatih Akin ist das, was er in diesem Jahr im Berlinale-Wettbewerb zeigt, ganz klar "ein Horrorfilm". "Ich habe mich schon immer für das Genre begeistert, und wollte es fernab der gängigen US-Konventionen auch einmal auf Deutschland übertragen".

Und zwar auf ein Deutschland der Vergangenheit: "Der goldene Handschuh" spielt auf der Hamburger Reeperbahn 1970, der Filmtitel ist zugleich Name einer Frühbar, auf österreichisch: Absturzhütte, die gestrandete, schwer alkoholisierte Männer und Frauen gleichermaßen aufsammelt, um ihnen den Nachtausklang noch mit der einen oder anderen Flasche Korn zu versüßen. Akin siedelt hier die wahre Geschichte des Frauenmörders Fritz Honka (abstoßend interpretiert von Jonas Dassler) an, der damals etliche Frauen aus dem "Goldenen Handschuh" zu sich nach Hause mitnahm, um sie dort zu vergewaltigen und schließlich zu ermorden und zu zerstückeln. Akin wählt für diese Mordszenen teils drastische Mittel, sieht aber im entscheidenden Moment dann doch nicht kompromisslos bei den Taten zu, sondern spielt durch Auslassungen auch der Fantasie des Publikum eine Rolle zu; es kann sich selbst ausmalen, wie dieser Mann die Frauen mit Sägen zerlegt hat und in all dem Dreck und der Verfilztheit seiner Wohnung unter den eingemauerten und stinkenden Leichenteilen zu Hausen imstande war.

Margarethe Tiesel - © Katharina Sartena
Margarethe Tiesel - © Katharina Sartena

Akin legt seinem Film den gleichnamigen Roman von Heinz Strunk zugrunde. "Ich habe mich sehr genau an das Buch gehalten, habe auch versucht, diese Stimmung unter den Verlierern der Wirtschaftswunderjahre akkurat abzubilden". Weshalb "Der goldene Handschuh" auch aussieht, wie ein beinahe nostalgischer Blick zurück auf die Formen, Farben und Atmosphären jener Zeit, nur, dass hier nichts verklärt, sondern die eigenen Kindheitsbilder bewusst demoliert werden, um dieses Deutschland darzustellen, das Ende der 60er Jahre noch immer unter der eigenen, unaufgearbeiteten Vergangenheit leidet. Und Akin hat auch ganz persönliche Erinnerungen an den Fall: "Das alles passierte damals quasi ums Eck von der Gegend, in der ich aufwuchs", erzählt Akin im Interview mit der "Wiener Zeitung". "Ich bin 45, also habe den Fall nicht bewusst miterlebt, aber später hat man uns als Jugendliche oft gesagt: Passt auf, sonst kommt der Honka! Dieser Mann war eine Angstfigur für mich".

Eine tragende Rolle im Film spielt die Österreicherin Margarethe Tiesel, die seit ihrem Auftritt in Ulrich Seidls "Paradies: Liebe" (2012) landesweit bekannt ist. Sie spielt eine der Frauen, die Honka in seine Wohnung folgen, der aber die Flucht gelingt. "Margarethe Tiesel ist eine wunderbare Schauspielerin, und sie war die ideale Besetzung für die Rolle, auch, weil ich ihren Auftritt bei Seidl so sehr schätze", sagt Akin. Und erklärt dann auch noch, wie er den Horror in seinem Film verstanden wissen will. "Mir ging es nicht darum, Schockeffekte wie im Hollywoodkino einzubauen, das hätte mich gelangweilt. Das würde sogar meinen 13-jährigen Sohn nur zum Lachen bringen. Nein, ich wollte den Horror, den jemand wie Seidl entfachen kann. Deshalb hat Margarethe auch so gut in den Film gepasst. Was ich unter Horrorkino verstehe, sind nämlich die Filme von Seidl und auch von Haneke. Die machen mir wirklich Angst".