Berlin ist für François Ozon ein gutes Pflaster: Hier hat seine Regiekarriere so richtig begonnen, als er 2001 im Wettbewerb seine Krimikomödie "8 Frauen" uraufführte - mit allen großen Stars des französischen Kinos, von Isabelle Huppert bis Catherine Deneuve. Seither genießt Ozon den Ruf als "Frauenversteher" unter den Regisseuren, jedoch hat er durch die sehr unterschiedliche Auswahl seiner nachfolgenden Arbeiten auch bewiesen, dass er das ganze Repertoire der Regiekunst beherrscht.

Auch in seinem jüngsten Film zeigt er das: Ozon erzählt in "Grâce à dieu" ("Gelobt sei Gott") von einem realen Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche, der ganz Frankreich erschüttert hat. 30 Jahre lang hat Alexandre (Melvil Poupaud) gehadert, doch nun bricht er das Schweigen: Als junger Pfadfinder wurde er in Lyon von Priester Bernard Preynat mehrfach sexuell belästigt und missbraucht. Sein Aufschrei bringt noch viele weitere damalige Opfer ans Licht: Immer mehr melden sich und man gründet bald den Verein "La parole libérée" (Das befreite Wort), der auf die Zustände unter Priester Preynat aufmerksam machen will - zumal der beschuldigte Priester immer noch in Amt und Würden ist und auch nach wie vor mit Kindern arbeitet. Der zuständige Kardinal Philippe Barbarin, der Erzbischof von Lyon, verurteilt zwar die pädophilen Übergriffe, zieht aber keine Konsequenzen. Der Tenor: Es ist doch alles schon so lange her! Und daher längst verjährt. Warum sollte man alte Wunden aufreißen.

In Frankreich warten Barbarin und Preynat aber inzwischen dennoch auf ihre Urteile: Der Kardinal ist wegen Nichtanzeige und unterlassener Hilfeleistung angeklagt, ein Urteil wird für Anfang März erwartet. Und Preynats Prozess beginnt Ende des Jahres.

"Ich hatte nicht vor, einen Film zu machen, der Tagesaktualität hat", sagt Ozon im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Mir war wichtig, die Geschichte der Opfer zu erzählen. Als ich die Geschichten dieser missbrauchten Menschen hörte, wollte ich daraus einen kleinen Film machen, mit ein, zwei Protagonisten, aber je weiter ich mich einlas, desto bewusster wurde mir, dass ich ein großes Thema vor mir habe, das man auch groß erzählen musste".

Ozon verwendet zahlreiche E-Mail-Konversationen zwischen den anklagenden Opfern und Kardinal Barbarin, die er als Off-Text über seine Bilder legt und anhand derer sich ganz anschaulich die Vertuschungstaktik offenbart, mit der versucht wurde, die Vorwürfe zu entkräften und, falls das nicht geht, einfach ein simples "Ich bete für Sie" hinterherzuschicken. Ozons wortreicher Film zeigt mit großer Konsequenz, wie man das Martyrium von Missbrauchsopfern auch zerreden kann, bis von den Vorwürfen scheinbar nichts mehr übrig bleibt.
"All die Texte sind echte Konversationen, die sich binnen zwei Jahren ereignet haben", sagt Ozon. "Als ich das las, dachte ich, daraus müsste man ein Theaterstück machen. Man sieht daran, wie die Mechanismen in der katholischen Kirche funktionieren: Man gibt dir viele Worte, aber es folgen dann keinerlei Taten".
"Grace a dieu" gehört zu den stärksten dramatischen Arbeiten dieses Regisseurs, weil sich die Inszenierung ganz dieser Macht der Worte verschreibt, vor deren Hintergrund ein Kampf um Recht und um Gerechtigkeit stattfindet. Das ist ja nicht immer dasselbe.