Es ist wie so oft zur Halbzeit eines Festivals: Die wenigen, wirklich guten Filme, die bereits gelaufen sind, erreichen noch nicht das Niveau des Goldenen Bären, die wenigen guten, die noch kommen werden, hoffentlich schon. Selten sieht man den Gewinnerfilm schon klar und deutlich vor sich - und täuscht sich dann doch am Ende, weil die Jury ganz andere Filme für preiswürdig befindet. Gerade die Berlinale hat die Tradition, kleine, politische Dramen in den Vordergrund zu rücken, auch bei der Preisverleihung. Im Grunde sind, im letzten Jahr von Dieter Kosslick als Berlinale-Chef, alle bisher gezeigten Filme preiswürdig, weil politisch sind sie schon, jeder auf seine Weise.

Da hat die Österreicherin Marie Kreutzer mit ihrem Drama "Der Boden unter den Füßen" ein ambitioniertes Stück über psychische Belastungen und die Härte der Arbeitswelt gedreht, es geht um eine junge Frau, deren Schwester an einer psychischen Erkrankung leidet, die bald auch auf sie "abzufärben" beginnt. Kreutzer spielt mit Schein und Sein, mit Wahrnehmungsebenen, und doch bleibt sie am Ende viele Antworten schuldig; das macht sie natürlich bewusst. Autorenfilmer lieben die Auslassungen, das Unaufgelöste - aber dazu müsste auch die Substanz der Geschichtemehr Denkräume für das Publikum offen lassen. Kreutzer aber konzentriert sich ganz auf die Arbeit mit den Schauspielerinnen ihres atmosphärisch dichten Films: Valerie Pachner in der Hauptrolle (und bis in die Nebenrollen treffend besetzte weitere Schauspieler) machen den Film mehr zur facettenreichen Charakterstudie denn zu einer stringent auserzählten Geschichte. Das könnte der Jury um Juliette Binoche gefallen, gerade in Hinblick auf die Darstellerpreise.

Fatih Akin hat die Geschichte des deutschen Serienmörders Fritz Honka verfilmt. - © Berlinale, Boris Laewen
Fatih Akin hat die Geschichte des deutschen Serienmörders Fritz Honka verfilmt. - © Berlinale, Boris Laewen

Völlig daneben liegt hingegen die Dänin Lone Scherfig mit ihrem honigklebrigen Eröffnungsfilm "The Kindness of Strangers", der das Gute im Menschen abfeiert und die Gesellschaft als eine in ihren kleinsten Einheiten letztlich reibungslos funktionierende schildert; eine naive New Yorker Fabel, an der nichts echt ist, auch nicht der gespielte russische Akzent von Bill Nighy, der sich hier hölzern als Restaurantbesitzer verheizen lässt.

Fatih Akin muss sich wegen "Der goldene Handschuh" viel Kritik anhören vom deutschen Feuilleton: Die Verfilmung der realen Geschichte des deutschen Serienmörders Fritz Honka, der Anfang der 70er Jahre etliche Frauen auf Hamburgs Reeperbahn abgeschleppt, vergewaltigt und zerstückelt hat, ist nämlich ziemlich rustikal geraten, aber das ist genau die Qualität dieser Arbeit, die viele verkennen: Akin zeigt Jonas Dassler als hässlichen, alkoholkranken Taugenichts, der außer Korn kaum Flüssigkeit zu sich nimmt und betagte, beleibte Damen wie Vieh zersägt; der Massenmörder als Naivling erster Güte, mit durchdringender Intensität gespielt und inszeniert und holzschnittartig auf die Zeit des Nachkriegsdeutschland der 70er verdichtet - selten hat ein unsympathischer Film eine derartige Sogwirkung entfalten können. Die Wienerin Margarethe Tiesel ist darin eine kongeniale Partnerin Dasslers, und Figuren wie Dekor entfesseln ein impulsives Kino der Grauslichkeiten.

Besonders begeistert hat Nora Fingscheidts Film "Systemsprenger": So nennt man Kinder, die sich an keinerlei Regeln halten und ihre Eltern und die Umwelt in den Wahnsinn treiben. - © Berlinale, kineo / Weydemann Bros. / Yunus Roy Imer
Besonders begeistert hat Nora Fingscheidts Film "Systemsprenger": So nennt man Kinder, die sich an keinerlei Regeln halten und ihre Eltern und die Umwelt in den Wahnsinn treiben. - © Berlinale, kineo / Weydemann Bros. / Yunus Roy Imer

François Ozon wiederum prangert in "Grâce à dieu" von der katholischen Kirche vertuschte Pädophilie an: Sein nüchtern erzähltes Drama basiert auf einem realen Fall, der derzeit in Frankreich die Gerichte befasst. Es ist ein (text)intensiver Film, der den süßen Unterton der beschwichtigenden Geistlichen herausarbeitet, die stets bemüht sind, kircheninterne Skandale auch intern zu halten.

Besonders begeistert hat Nora Fingscheidts Film "Systemsprenger": So nennt man Kinder, die sich an keinerlei Regeln halten und ihre Eltern und die Umwelt in den Wahnsinn treiben. Helena Zengel spielt hier ein solches neunjähriges Mädchen, und die Erstlingsregisseurin wechselt stilistisch untermauert gekonnt von Außensicht auf Innensicht, wenn es um die Beschreibung der Symptome geht: Dieses Mädchen ist keiner Schublade zuordenbar, und das ist gut so: Wenn es schreit "Fick dich, du Arschloch", dann weiß der Berlinale-Besucher: Das ist Kino, wie es genau hier her passt. Und es ist natürlich verdammt politisch.