China bietet an den Feiertagen zum Frühlingsfest ein ungewöhnliches Bild: Die sonst so verstopften Straßen sind wie ausgestorben, Einkaufszentren und Bürotürme wirken verwaist - nur vor den Kinokassen bilden sich regelmäßig lange Schlangen. Die wichtigsten Festtage des Landes sind gleichzeitig die Zeit der großen Familienzusammenkünfte und ein Kinobesuch während der Ferien gehört mittlerweile zur Tradition.Dem Anlass entsprechend stehen üblicherweise romantische Komödien hoch im Kurs, doch in diesem Jahr ist alles anders: Kaum einem anderen Film fiebern die Chinesen mehr entgegen als "The Wandering Earth", dem ersten heimischen Science-Fiction-Blockbuster. Die Buchvorlage "Die wandernde Erde" stammt von Liu Cixin, und dessen Name hat in China eine noch größere Strahlkraft als die von Nobelpreisträger Mo Yan.

Der unscheinbare 56-Jährige hat die Grenzen des Genres verschoben und Dinge erreicht, die in China lange Zeit als undenkbar galten: Er hat nicht nur neun Mal den Galaxy-Award gewonnen, sondern auch die weltweit wichtigste Auszeichnung für Science-Fiction-Literatur, den Hugo Award in den USA. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit "Die drei Sonnen", dem ersten Band seiner "Trisolaris"-Trilogie, die weltweit prominente Anhänger fand: Barack Obama zeigte sich als Fan von Liu und traf ihn später, um über zukünftige Publikationen zu sprechen. Auch Facebook-Gründer Mark Zuckerberg empfahl das Werk. Seine Bücher stehen regelmäßig auf der Bestsellerliste der "New York Times", was bisher kaum einen chinesischen Autor gelang.Dabei wirkt Lius Aufstieg fast ebenso märchenhaft wie seine fantastischen Geschichten, die stets mit Konventionen brechen: Als Sohn eines einfachen Minenarbeiters wuchs er in der staubigen zentralchinesischen Provinz Shanxi auf. Da sich sein Onkel vor dem Ende des Bürgerkriegs nach Taiwan absetzte, stand Lius Familie in der politischen Hackordnung ganz unten - die Erfahrung der Kulturrevolution, die er als kleines Kind erlebte, sollte auch sein literarisches Werk prägen.

Hollywoodeskes Filmplakat.
Hollywoodeskes Filmplakat.

Drehbücher verhindern neue Romane

Später fand er eine Anstellung als Ingenieur in einem abgelegenen Wasserkraftwerk, wo es offensichtlich nicht allzu viel zu tun gab. Stattdessen tauchte er im Internet in die Tiefen der Himmelsmechanik ein, las Arthur C. Clarke, entdeckte seinen späteren Lieblingsautor George Orwell und begann, seine ersten Texte zu schreiben, die bald ausuferten - alleine die Bände seiner "Trisolaris"-Trilogie umfassen mehrere tausend Seiten. Den Job im Kraftwerk kündigte er erst 2012, als er schon längst ein gefeierter Bestseller-Autor war.

Der chinesische Bestsellerautor Liu Cixin. - © ap/picturedesk/Niu bo
Der chinesische Bestsellerautor Liu Cixin. - © ap/picturedesk/Niu bo