Berlin. Es gibt ihn inzwischen, diesen typischen Berlinale-Film, in dem es möglichst triste oder aussichtslos oder problembehaftet oder fremdländisch zugeht: Dieses Filmfestival hat sich einem politischen oder politisch motivierten Kino verschrieben, und dazu zählen auch allerlei Dramen vom Ende der Welt, oder zumindest von dort, wo wir gemeinhin nicht sind mit unserer zentraleuropäischen Wirklichkeit.

Das ist auch in diesem Jahr so: Dieter Kosslicks Abschiedsprogramm zum Ende seiner 18-jährigen Intendantenschaft ist treffsicher in der Auswahl von "Problemstoffen". "A Tale of Three Sisters" des Türken Emin Alper zum Beispiel: Ein verwitweter Vater, der seine drei Töchter vom Land in die Stadt geschickt hat, damit diese ihre Chancen verbessern, muss erleben, wie die drei wieder zurück kommen, mittellos, und eine davon schwanger. Der Film entwirft entlang dieser Familie ein eindringliches Bild vom abgeschiedenen Leben in Anatolien.

In die Provinz verschlägt es diesmal auch den Kanadier Denis Côté. In "Ghost Town Anthology" ist es der plötzliche Tod eines 21-Jährigen, der die Gefüge in einem 215-Seelen-Dorf gehörig durcheinanderbringt. Côtés anfängliche Tristesse und ländliche Leere transferiert er bald zu einem Genrefilm mit Horrorelementen, dennoch nimmt sich der Film stets aus wie ein Porträt der kanadischen Einöde - eine unbekannte Welt mit einigen Mysterien.

Handlung kaum auszumachen

Rätselhaftes Kino kommt aber auch aus Deutschland: "Ich war zuhause, aber" von Angela Schanelec ist das Porträt einer Mutter in einer erzieherischen Krise, die einen verlorenen Sohn wieder zuhause empfängt, nachdem er verschwunden war. Eine Handlung in dem Sinn lässt sich kaum ausmachen, vieles hier ist wenig erhellend, einiges verstörend. Der Italiener Roberto Saviano, der seit seinem Roman "Gomorrah" (2006) über die Verbrechen der Mafia unter Polizeischutz lebt, schrieb den Roman "Der Clan der Kinder", in dem er von Armut, Perspektivenlosigkeit und dem Mafia-Nachwuchs erzählt: Kinderbanden und Halbwüchsige, die in den Vorstädten ihr Unwesen treiben und die gar keine Werte mehr kennen, sind die Zukunft der Mafia; Claudio Giovannesi hat daraus einen Film gemacht, "La paranza dei bambini", in dem diese Kinderbanden im Zentrum stehen. Saviano selbst schrieb das Drehbuch und kam auch nach Berlin - ein hochriskantes Unterfangen für einen Verfolgten.

Kontroversen gibt es bei diesem Festival auch: 160 deutsche Kinobetreiber haben vom Festival gefordert, die Netflix-Produktion "Elisa & Marcela" der Spanierin Isabel Coixet aus dem Wettbewerb zu nehmen, weil Netflix bisher das Kino nur in Kurzeinsätzen als Werbeplattform nutzt, wie zuletzt mit "Roma" von Alfonso Cuaron, der den Goldenen Löwen in Venedig gewann und zu den Oscar-Favoriten zählt, aber nur sehr kurz im Kino war. Coixets Film erzählt die wahre Geschichte eines lesbischen galizischen Paares im Jahr 1901, das verbotenerweise heiratete, nachdem sich eine der Frauen als Mann verkleidet hatte. Doch die List flog auf, und die beiden Frauen mussten vor dem Volkszorn fliehen. Es ist ein Statement für Toleranz, und Coixet verwehrte sich gegen die Proteste bei der Berlinale: "Ich finde, man sollte das entspannt sehen, denn es geht um eine Koexistenz von Kino und neuen Plattformen", sagte Coixet. "Mein Film wird in Spanien ins Kino kommen, aber dank Netflix erreicht er noch viel mehr Menschen."