Havanna/Wien. "Ballett war meine Zuflucht, meine Therapie. Es war nicht etwas, das ich gemacht habe, weil es ein nettes Hobby wäre - es war Überleben", sagte einmal Carlos Acosta in einem Interview. Ein harter Kampf von Kindheit an, mit dem Ergebnis, dass er heute zu den Stars der internationalen Tanzszene zählt, dank der Geschmeidigkeit seiner Bewegungen und seiner einnehmenden Persönlichkeit, die von seiner Neigung zum Perfektionismus geprägt ist: "Niemand trainiert härter als ich. Es gibt nichts Wichtigeres als harte Arbeit und Liebe. Wenn du liebst, was du machst, wirst du belohnt und bleibst in der Erinnerung der Menschen lebendig", so der heute 45-jährige Kubaner.

Eigentlich wollte er gar nicht Balletttänzer werden, doch sein Vater, LKW-Fahrer, erkannte das außergewöhnliche Talent. Seine Kindheit verbrachte Acosta in Los Pinos, einem Außenbezirk Havan- nas, als elftes Kind einer Patchwork-Familie. Auf besonderen Druck des Vaters, der für seinen Sohn eine Chance sah, besuchte er die Nationale Ballettschule Kubas, von der er wegen zahlreicher Disziplinlosigkeiten verwiesen wurde, anschließend das Ballettinternat in Pinar del Río. 1990 wird die Tanzwelt auf Acosta aufmerksam, als er, seine Mitbewerber weit überragend, die Goldmedaille beim renommierten Prix de Lausanne gewinnt. Es folgt eine Einladung zum English National Ballet, wo er mit 18 Jahren jüngster Principal Dancer in der Geschichte des Ensembles wird. Aufgrund einer Fußverletzung kehrt er nach Kuba zurück und arbeitet ein halbes Jahr am Ballet Nacional de Cuba unter Alicia Alonso. 1993 bietet ihm Ben Stevenson einen Vertrag als Principal Dancer am Houston Ballet an. 1998 tritt er ins Londoner Royal Ballet ein und wird 2003 zum Principal Guest Artist ernannt - wo er als erster dunkelhäutiger Tänzer den Romeo in "Romeo und Julia" darstellt. 17 Jahre lang ist Acosta der Star-Solist des Londoner Royal Ballet und Gast bei den renommierten Ballettensembles.

Startänzer Carlos Acosta bei der diesjährigen Goya-Filmpreisverleihung. - © apa/afp/J. Guerrero
Startänzer Carlos Acosta bei der diesjährigen Goya-Filmpreisverleihung. - © apa/afp/J. Guerrero

Doch Ballett ist Acosta nicht genug: Nebenbei choreografiert er und arbeitet als Schauspieler - etwa in Natalie Portmans Beitrag von "New York, I love you", John Roberts "The day of flowers" oder Cynthia Newports "Dreams of flight". 2007 veröffentlichte er seine Autobiografie "No way home" in der er seine einsame Kindheit, die Hass-Liebe zu seinem Vater und auch sein Heimweh thematisiert. Sein erster Roman "Pig’s foot" wurde als einer der vielversprechendsten Debütromane auf die jährlich erscheinende Water-stone-Eleven-Liste gesetzt.

Kuba in die Welt bringen

Nachdem er 2015 seine aktive Karriere als klassischer Tänzer mit fünf ausverkauften Vorstellungen in der 5000 Plätze fassenden Londoner Royal Albert Hall beendet hat, gründet er in seiner Heimat die Acosta-Danza-Kompagnie. Es ist sozusagen sein Pensionsprojekt mit der Bemühung, verschiedene Stile und Tanzformen zusammenzuführen und internationale Choreografen für Kuba zu interessieren. Ihn treibt der Wunsch, Kuba in die Welt zu bringen, und zugleich die Welt nach Kuba. Dies sei umso wichtiger, als durch die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten manche Hoffnungen und Aussichten für Kuba zerstört worden sind, meinte er in einem Interview. "Ballett steckt in Kuba in den 1960er Jahren fest", sagt Acosta. "Die Bewegungen, das Repertoire, die Produktionen sind sehr alt. Das ganze Land ist alt: Wenn Europäer die 70 Jahre alten Autos auf den Straßen Havannas sehen, fühlen sie sich wie in einer anderen Galaxie. Tanz und Ballett sind da keine Ausnahme." Kürzlich wurde bekannt, dass Acosta 2020 die künstlerische Leitung des Birmingham Royal Ballet übernehmen wird.

Die spanische Regisseurin Icíar Bollaín und der in Indien geborene Autor Paul Laverty fassten das Leben Carlos Acostas, basierend auf dessen Autobiografie, zu dem Biopic "Yuli" (derzeit in den heimischen Kinos) zusammen.