Berlin. Christian Bale ist ein ungemein wandlungsfähiger Schauspieler, das möchte man zunächst einmal gar nicht glauben. Denn der 45-jährige Brite lebte bisher eigentlich von seiner Coolness und seinem smarten Auftreten, egal ob als Bruce Wayne/Batman, in "Staatsfeinde" oder in "American Hustle" - wenngleich er für letzteren auch schon ordentlich zugenommen hat. Dennoch: Bale war stets der lässige Typ mit Understatement.

Das ist in "Vice" (ab kommendem Freitag im Kino) anders. Darin mimt Bale den einstigen US-Vizepräsidenten von George W. Bush, Dick Cheney. Nicht nur entspricht diese Figur kaum dem bisherigen Beuteschema in Bales Karriere, was seine Rollenwahl angeht; auch die äußerliche Erscheinung Cheneys hat mit Bales Statur wenig gemein. Also unterwarf sich Bale einer strikten Kur zur Gewichtszunahme (mehr als 30 Kilo) und begab sich für "Vice" tagtäglich stundenlang in die Maske. Das Ergebnis ist verblüffend: Bale sieht Dick Cheney zum Verwechseln ähnlich, spielt diesen Machtpolitiker mit großer Präzision und hat daher auch verdiente Chancen bei der kommenden Oscar-Gala, als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet zu werden. Die "Wiener Zeitung" traf Bale bei der Berlinale zum Gespräch.

"Wiener Zeitung":Mr. Bale, als Sie im Jänner den Golden Globe für diese Rolle erhielten, meinten Sie, der Satan hätte sie geritten, als sie Dick Cheney interpretierten. Wie war das gemeint?

Christian Bale: Natürlich als Witz, in dem Moment, als ich da nervös auf der Bühne stand. Die Rolle war sehr fordernd: Zu Beginn der Dreharbeiten wusste ich so gut wie nichts über Cheney. Das war seine Politik: Er stand nie im Mittelpunkt, hat lieber im Hintergrund agiert und da die Fäden gesponnen. Das Drehbuch war voller Überraschungen für mich.

Wie war Ihre Reaktion, als man Ihnen vorschlug, Cheney zu spielen?

Ich sah nur ungläubig drein. Ich weiß bis heute nicht, wie Regisseur Adam McKay überhaupt auf die Idee gekommen ist, mich zu besetzen. Ich wusste, dass er an einem Drehbuch über Cheney arbeitet und dass ich eine Rolle darin übernehmen sollte. Aber ich wusste nicht, dass es die Hauptrolle wird. Wie sollte ich mir das auch vorstellen, bei dieser großen optischen Veränderung?

Und dann standen Sie am Set, verwandelt in Dick Cheney und sahen in den Spiegel. Wie war Ihre Reaktion?

Ich musste laut lachen. Aber die Maske und das Gewicht sind nur ein kleiner Teil bei dieser Verwandlung: Cheney zu werden, war ein langer Prozess. Ich habe langsam zugenommen, ich habe viel über ihn recherchiert. Es war ein bisschen wie bei einer Achterbahnfahrt. Man denkt, man hat ihn und merkt, man hat ihn doch nicht. Es sind immer zwei Schritte vor und einer zurück. Das geht alles Schritt für Schritt und ist ein langwieriger Prozess.

Für Dick Cheney nahm Christian Bale 30 Kilo zu. - © Berlinale
Für Dick Cheney nahm Christian Bale 30 Kilo zu. - © Berlinale

Maske und Kostüm helfen einem aber dabei, sich seiner Rolle anzunähern, oder?

Das schon. Aber man kann die äußerliche nicht von der emotionalen Komponente trennen. Für das Gefühl, ihn zu spielen, brauchte es natürlich auch sein Aussehen, aber uns war wichtig, dass ich die Rolle beherrsche und nicht die Rolle mich. Normalerweise ist es umgekehrt: Nämlich, dass eine Rolle einen vereinnahmt und man nicht mehr man selbst ist. Doch das durfte hier keinesfalls passieren, sonst wäre der Film schiefgegangen. Der Augenblick, in dem ich wusste, ich bin jetzt ganz in der Rolle drin und habe das Wesen Cheneys kapiert, ist erst während der Dreharbeiten gekommen. Spät, aber zum Glück nicht zu spät.

Wie haben Sie das Gewicht, das Sie für die Rolle zugenommen hatten, wieder verloren?

Viel Wasser, hungrig ins Bett und ständig schlechte Laune (lacht).

Sie scheinen einen Hang dazu zu haben, sich selbst immer wieder körperlich zu verändern. Woher kommt das?

Das liegt daran, dass ich meine eigenen Grenzen austesten will. Ich habe nie eine Schauspielschule besucht und habe daher wahrscheinlich immer noch das starke Gefühl, mich beweisen zu müssen und mit mehr Enthusiasmus als andere zu arbeiten, damit ich meinen Job behalten kann.

Ist das nicht gefährlich, solche Veränderungen am Körper zuzulassen?

So schlimm ist es nicht. Ich mag es ja auch, ständig gefordert zu werden. Für mich ist das nicht einfach nur ein Spiel mit meinem Körper. Klar, ich war schon sehr dünn und sehr dick für meine Rollen. Aber das verändert nicht nur den Körper, sondern auch den Geist.

Können Sie das erklären?

Bei Dick Cheney war mir klar, dass ich auch seine Statur und seinen Nacken haben will. Wenn man sich Videos von ihm ansieht, dann bemerkt man, dass der Mann oft keinen Hals hat. Sein Kopf liegt dann direkt auf seinem Sakko auf. Ich habe eigens Gewichte gestemmt, damit ich ähnlich aussehe wie er. Ich wollte mich so unbeweglich wie er fühlen. Diese Unbeweglichkeit spiegelt sich auch in seiner Politik wider. Jede Form von Verhandlung war für ihn eine Niederlage. Er bereut nichts und entschuldigt sich für nichts. Der passende Körper hat mir geholfen, mich in ihn hineinzuversetzen.

Haben Sie Dick Cheney für die Rolle persönlich getroffen?

Nein, obwohl ich das schon gern getan hätte. Aber unsere Anwälte haben mir davon abgeraten. Cheney hätte den Film zwar nicht aufhalten, aber verzögern können. Das Risiko war zu groß.

Wäre ein Vizepräsident Cheney heute unter Trump für Sie denkbar?

Die beiden haben völlig konträre Ansätze, was die Außenpolitik angeht. Cheney würde Trumps Umgang mit Putin so sicher niemals tolerieren. Cheney ist außerdem sehr belesen. Und er passt bei den Sicherheits- und Präsidentenbriefings auf. Unterschiedlicher könnten die beiden da kaum sein. Wäre Trump mit Cheney gefährlicher? Definitiv ja, denn er hätte dann jemanden an seiner Seite, der wüsste, wie man die Regierungsgeschäfte am Laufen hält.

Können Sie sich vorstellen, eines Tages Trump zu spielen?

Nein, diesen Mann würde ich ganz sicher niemals spielen wollen.