Der Film war sehr ungewöhnlich. Selbst für die 1970er Jahre, als diese Filme zunahmen, die Tabus brachen und Türen öffneten. Ich machte ihn, weil ich mit Visconti "Die Verdammten" gedreht hatte und dabei Dirk Bogarde kennenlernte. Und der kam mit diesem Film auf mich zu, ich konnte nicht Nein sagen. Der Film war in jeder Hinsicht ein Sprungbrett für mich. Man hat ihn gehasst oder geliebt, aber keiner konnte an ihm vorbei. Ich war plötzlich die Perverse. Aber ich war ein Begriff.

Mit François Ozon haben Sie ab 2000 wiederholt gearbeitet. Kann man sagen, dass er Sie fürs Kino ein zweites Mal entdeckt hat?

Ja, da haben Sie absolut recht! Als ich mit ihm "Unter dem Sand" drehte, war ich in Anfang 50 und ich stand damals vor der Entscheidung, ob ich mit der Schauspielerei überhaupt weitermachen soll oder ob ich lieber aufhöre. Da kam François und hat mir einen neuen Weg aufgetan. Auch "Swimming Pool", den ich mit ihm 2003 drehte, war eine tolle Zusammenarbeit. Ich glaube, man braucht im Leben solche Schlüsselmomente, an die hängen sich andere Dinge dran. Das sind vielleicht nicht immer die erfolgreichsten Filme, aber sie prägen deine Karriere entscheidend. Und in gewisser Weise auch dich.

Was war denn Ihr alles entscheidender Schlüsselmoment?

Gleich der erste Film, "Georgie Girl". Den kennen Sie vielleicht nicht. Aber er war in England damals ein sehr großer Erfolg. So etwas beeinflusst alles und prägt dein Image. Ich habe da eine unerhörte Frau gespielt, die ganz unabhängig, ganz auf sich fixiert war. Alle sagten, was für eine schreckliche, grauenhafte Figur! Damals musste man als Frau im Film stets die Nette sein. Das hatte also etwas Revolutionäres.

Vielen Ihrer Figuren ging diese Nettigkeit aber gewaltig ab...

Und das war gut so. Ich bin nicht da, um gemocht zu werden. Man kann mich schon mögen, aber man muss es nicht. Damals glaubten alle, ich wäre wirklich so wie die Figur im Film, weil ich sie so überzeugend gespielt habe. Und damals waren solche Rollen eben eher die Ausnahme.

Erscheint Ihnen eine solche Rollenwahl im Rückblick als mutig?

Nein. Das hat mit Mut nichts zu tun. Ich war einfach ehrlich. Und hatte keine Angst davor. Mir war immer das Wichtigste, nie von jemandem abhängig sein. Und das bin ich auch nie gewesen.

Die meisten Ihrer Frauenfiguren bestechen durch eine intellektuelle Erhabenheit und zugleich durch menschliche Tiefe.

Als Schauspielerin suche ich nicht nach der Seele meiner Figuren, ich will, dass diese Seelen mich finden. Das bedeutet aber nicht, dass ich sehr spirituell veranlagt bin und mit einem solchen Mindset an die Rollenwahl gehe. Mein Zugang ist durchaus rational: Was immer mich intellektuell anspricht, wähle ich aus, da geht es mir um erzählerisches Niveau.

Ist das der Grund, weshalb Sie sich niemals wirklich um eine Karriere in Hollywood bemüht haben?

Das Niveau habe ich meistens im Arthaus-Kino aus Europa gefunden. Ich habe nie darüber nachgedacht, nach Hollywood zu gehen, obwohl es Angebote gab. Aber nach ein, zwei Filmen in dieser Industrie war mir klar, dass das nichts für mich ist.

Was denken Sie über das Alter?

Das Alter macht mir bislang noch keine Probleme. Im Gegenteil, es hat sogar Vorteile. Das Alter macht mich sicherer, man ist entspannt, weil man schon so viel weiß vom Leben. Dadurch regt man sich viel weniger über alles auf. Das gilt allerdings nicht für die Arbeit vor der Kamera: Dort bin ich immer noch nervös. Aber wenn man diese Nervosität verliert, dann ist man vermutlich auch nicht mehr so gut in seinem Job.