Netflix im Rennen

Cuarón ist übrigens jener Regisseur, der in diesem Jahr Oscar-Geschichte schreiben kann. Mit seinem schwarzweißen Epos "ROMA" rund um seine Jugenderfahrungen in Mexiko hat er bereits den Goldenen Löwen in Venedig geholt und seither dutzende andere Preise. Das Besondere: "ROMA" ist eine Netflix-Produktion, die eigentlich gar nicht ins Kino hätte kommen sollen, sondern exklusiv bei dem Streamingdienst zu sehen sein sollte. Doch Netflix hat die Chance auf das große Prestige der Oscars erkannt und gönnte "ROMA" den für die Oscar-Qualifikation nötigen, mindestens einwöchigen Kinostart in den USA. Erwartungsgemäß wurde "ROMA" nominiert, und zwar gleich zehn Mal. Regisseur Cuarón hat die unglaubliche Chance auf fünf Trophäen, wenn "ROMA" in den Kategorien bester Film, bester fremdsprachiger Film, beste Regie, beste Kamera und bestes Drehbuch gewinnt - all diese Kategorien verantwortet der Mexikaner, der bereits 2014 den Schnitt- und den Regie-Oscar für "Gravity" gewann. Doch Cuarón wäre nicht der einzige Gewinner: Für Netflix wäre es das Oscar-Debüt, und danach die Filmwelt und ihre Verwertungskette wohl für immer eine andere; der Stellenwert des Kinos wäre durch die von der Academy zugelassene Taktik von Netflix, Kinostarts nur wegen Preisspekulationen durchzuführen, nachhaltig beschädigt.

Spekulationen und Tipps

Bleibt die Frage nach dem Rest des Kandidaten-Felds: Die "New York Times" tippt in ihren Vorhersagen tatsächlich auf den Sieg für "ROMA" als bester Film und als bester fremdsprachiger Film, bei den Darstellern hätten Glenn Close (für "The Wife") und Rami Malek (für den Queen-Film "Bohemian Rhapsody") die besten Chancen. Mahershala Ali dürfte für das Rassismus-Drama "Green Book" seinen zweiten Nebenrollen-Oscar nach "Moonlight" (2016) erhalten, beim Drehbuch haben "The Favourite" des Griechen Yorgos Lanthimos und "BlacKkKlansman" von Spike Lee die größten Chancen. Und niemand zweifelt an, dass Popstar Lady Gaga den Oscar für den besten Song ("Shallow") erhalten wird, während sie in der Kategorie "Beste Schauspielerin" in Bradley Coopers "A Star Is Born" eher eine Nebenrolle spielen dürfte. Gaga wird ihren Song auch live präsentieren, ebenso wie die Band Queen, der man auch einen Auftritt gönnt. Es gibt also - wie schon 1989 - viel Musik statt einem Host. Wenn das nur gutgeht.

Die Oscar-Nacht wird Montag früh ab
2 Uhr live in ORFeins übertragen. www.oscars.org