"Der Boden unter den Füßen", der am Dienstag die Diagonale in Graz eröffnen wird und ab Freitag in den Kinos zu sehen ist, erzählt von einer Lebenskrise: Die 30-jährige Lola (Valerie Pachner), die als Unternehmensberaterin Firmen restrukturiert (und dabei zahllose Entlassungen vornimmt), leidet unter der psychischen Erkrankung ihrer Schwester Conny (Pia Hierzegger), die nach einem Selbstmordversuch in einer psychiatrischen Anstalt festgehalten wird und die Nähe zu Lola sucht. Die aber ist mit ihren 100-Stunden-Arbeitswochen im fernen Rostock beschäftigt und gerät selbst in einen Strudel aus psychischen Belastungen. Bald muss sich auch Lola die Frage stellen, ob sie psychisch krank ist.

"Wiener Zeitung": Frau Kreutzer, beschreiben Sie das Gefühl, dass Sie auf den Filmtitel "Der Boden unter den Füßen" gebracht hat.

Marie Kreutzer: Der Titel zeigt sehr gut, worum es geht: Wenn einem alles zu viel wird, wenn die negativen Impressionen überwiegen, einem alles entgleitet, dann ist das genau so ein Gefühl: den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Marie Kreutzer spielt gern mit den Erwartungshaltungen des Publikums. - © Katharina Sartena
Marie Kreutzer spielt gern mit den Erwartungshaltungen des Publikums. - © Katharina Sartena

Sie erzählen von einer Generation, die überfordert ist von der Arbeitswelt und ihren Anforderungen.

Die Arbeit einer Unternehmensberatungsfirma, wo man andere Menschen entlässt und einspart, das war mir immer fremd, aber je intensiver ich mich damit befasst hatte, desto klarer wurde mir, dass es sich dabei um eine zugespitzte Variante unserer Lebensrealität handelt: Da sieht man konzentriert, wie unsere Arbeitswelt funktioniert und wie die meisten von uns arbeiten, nämlich immer zu viel und immer mit dem Anspruch, noch mehr zu leisten, auf allen Ebenen perfekt zu sein und alles zu optimieren. Und dadurch auch niemals irgendwo anzukommen. Wer Fehler macht, ist einfach weg.

Im Abspann erwähnen Sie einen Bezug zur Familie, in der es eine ähnliche psychische Erkrankung wie im Film gegeben hat.

Meine Tante war schizophren. Sie war in hohem Maße unberechenbar, und es war ihr kaum bewusst, wann etwas wirklich so passiert ist, wie sie es sich eingebildet hat, und wann nicht. Das war für mich als Kind sehr verwirrend und hat mich früh geprägt. Später kam die Angst hinzu, ob das bei mir auch einmal so sein würde. Ob das vererbbar ist.

Es gibt auch im Film diese ominöse Grundstimmung: Man weiß nicht, woran man ist.

Das ist ein großer Teil meines Jobs: Mit der Wahrnehmung des Publikums zu spielen, es zu lenken. Wegen meiner Tante hatte ich jahrelang Angst, dass ich irgendwann selbst Stimmen hören würde. Jedes Geräusch, das ich nicht gleich zuordnen konnte, war für mich der Beweis, dass es jetzt anfängt. Meine Tante hat das nicht als Illusion wahrgenommen, sondern als Realität. Und genau damit wollte ich spielen: Auch als Publikum sollte man ab einem gewissen Moment nicht mehr sicher wissen, was echt ist und was nicht. Ich wollte die Wahrnehmungsfrage an das Publikum weiterreichen, es sollte selbst nachdenken, was ist und was nicht.