Graz. Wenn am Dienstagabend in der Grazer Helmut-List-Halle die Diagonale wieder ihre Pforten öffnet, dann sitzen im Publikum jede Menge honorige Herrschaften, die es sonst kaum ins Kino schaffen; die (lokale) Politprominenz ist aber dennoch immer vollzählig, denn die Diagonale ist ein Pflichttermin geworden. Sie ist inzwischen das Aushängeschild des österreichischen Films, das weit über die Grenzen des Landes hinaus strahlt und in deren Mediensonne man sich zeigen lassen sollte. Das war nicht immer so: In den vergangenen 20 Jahren gab es Diagonalen mit fehlender Streitkultur zwischen Österreichs Filmschaffenden und der Politik; es gab sogar einmal eine "Gegendiagonale", es gab Protestmärsche gegen die erste schwarz-blaue Regierung, und es gab viele Jahre, in denen sich kaum ein Bundespolitiker von Wien in Österreichs Süden wagte.

Aufbruch von Strukturen

Vorbei scheinen diese Unstimmigkeiten schon länger zu sein, spätestens als vor inzwischen schon drei Jahren das Intendanten-Duo Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber die Geschicke der Filmschau übernommen hat. Ihr Vertrag wurde bereits um weitere drei Jahre bis 2021 verlängert. Das Duo hat nicht nur dank seines jugendlichen Esprits die Wogen in der Branche geglättet und dafür gesorgt, dass man sich hier allerorts mit Respekt begegnet; sie haben auch programmatisch am Diagonale-System geschraubt, sodass der staubige Werkschau-Charakter und das Leistungsschaudenken stark in den Hintergrund gerückt sind. Vielmehr legt das Duo Wert auf das Aufbrechen verkrusteter Strukturen. So ist dem außergewöhnlichen Regisseur Ludwig Wüst in diesem Jahr eine umfassende Personale gewidmet, und das, obwohl seine Filmkunst fernab jeder heimischen Filmhochschule geschnitzt wurde - wie übrigens auch seine Holzarbeiten, die die Diagonale ebenfalls zeigt: Das Festival wird zunehmend interdisziplinär, und das muss es auch: Die Konkurrenz am audiovisuellen Markt ist durch Netflix und Co. sehr groß geworden; so müssen Filmschauen wieder eine Haptik erlangen, müssen anfassbar sein, im wahrsten Sinne "begreifbar". Eine Ausstellungsplattform von Film mit anderen Künsten kann so ein Weg sein, der den Stellenwert des Festivals als Ort der Begegnung schärft.

Duo: Sebastian Höglinger (links) und Peter Schernhuber. - © Corn
Duo: Sebastian Höglinger (links) und Peter Schernhuber. - © Corn

Die Reihe "Zur Person", die sich dem Wiener Hanno Pöschl widmet, gehört zum fixen Bestandteil der Diagonale: Pöschl wird als der "charismatischste heimische Schauspieler" gefeiert und seine Mitwirkung in zahllosen österreichischen Filmen wird auch eine Rückschau auf die jüngere Geschichte des heimischen Filmschaffens möglich machen. Der aktuelle Wettbewerb umfasst 112 Filme und wurde aus mehr als 500 Einreichungen aller Genres und Längen zusammengestellt. Dabei gefällt vor allem der Mut der Auslassungen und Zulassungen des Festivalduos, das sich dezidiert selbst ganz untypisch undigital gibt: "Einmal im Jahr verdichtet die Diagonale den österreichischen Film auf sechs konzentrierte Festivaltage. Sie bietet ein Angebot ohne Algorithmus: handgemacht und damit fehler-, aber auch enthusiasmusanfällig." Man spricht von porösen Genregrenzen, die Euphorie bringen würden, von länger werdenden Kurzfilmen, persönlichen Familienfilmen und Ausgrabungen gigantischer Art. Die Arbeiten seien "kritisch und hellwach", so Peter Schernhuber, der heimische Film sei "unbeeindruckt selbstbewusst", ergänzt Sebastian Höglinger.

Ludwig Wüst ist eine große Personale gewidmet. - © Raneburger
Ludwig Wüst ist eine große Personale gewidmet. - © Raneburger

Ganz abgesehen vom Eröffnungsfilm, Marie Kreutzers "Der Boden unter den Füßen" (die "Wiener Zeitung" berichtete), sind es vor allem Dokumentarfilme, auf die das Festival seinen Fokus legt: Es geht um die guten und schlechten Seiten von Ehen, etwa in Katrin Schlössers "Szenen einer Ehe" oder Valentina Primaveras "Una Primavera". "In der Kaserne" von Katharina Copony zeigt eine Kindheit im militärischen Umfeld, Nikolaus Geyrhalter rückt in "Erde" der Erdkruste unseres Planeten dokumentarisch nahe. Nirgendwo ist das österreichische Filmschaffen innovativer und wagemutiger als im Dokumentarfilm, und diesem Umstand trägt die Diagonale mehr denn je Rechnung.

Hanno Pöschl bekommt heuer ein Diagonale-Special. - © Pibernig
Hanno Pöschl bekommt heuer ein Diagonale-Special. - © Pibernig

Zwischen den Stühlen

Aber auch bei den Spielfilmen gibt es Interessantes zu entdecken: Etwa "Kaviar" von Elena Tikhonova, ein Film über russisch-österreichische Stereotypen, oder "Die Kinder der Toten", eine experimentelle Umsetzung eines Romans von Elfriede Jelinek.

Höglinger und Schernhuber sehen ihr Programm 2019 als Grenzgang. "Und zwar, weil die Diagonale immer schon dazwischensteht, zwischen präziser Auswahl und Werkschau", so die Intendanten. Aber, und das ist noch viel wichtiger: Die Diagonale ermöglicht auch einen Blick in die Seele des österreichischen Films.