Er ist ein Künstler außerhalb jeder Norm: Ludwig Wüst hat drei Karrieren, als "Holzarbeiter", als Theaterregisseur, als Filmemacher. Letztere brachten ihm seit Anbeginn viele Fans, auch, weil Wüst ganz bewusst außerhalb gängiger Erzählkonventionen stets das Experiment oder besser: das Wagnis sucht; seine Filme konkurrieren nicht mit dem österreichischen Arthouse-Mainstream, sie sind eigenwillige, im besten Sinne des Wortes verstörende Arbeiten, die visuell und dramaturgisch visionär sind und Schauspieler wie Zuschauer gleichermaßen fordern. Stets unter der Herausforderung geboren, kaum bis wenig Budget zur Verfügung zu haben, sind Wüsts Arbeiten auch immer elementare Erfahrungen, in denen es um menschliche Bedürfnisse, Nöte und Konflikte geht.

Kein Spaziergang

Sein Filmdebüt "Ägyptische Finsternis" (2002) nach Texten von Ingeborg Bachmann, das sich aus einer Theaterregie entwickelte, brachte Wüst dazu, nicht mehr nur als Theatermacher zu arbeiten, sondern es mit den bewegten Bildern zu versuchen. Obwohl: "Alle erdenklichen Katastrophen, die man sich bei einem Erstlingsfilm überhaupt nur wünschen konnte, sind passiert, inklusive einer Verhaftung durch den ägyptischen Geheimdienst in der Wüste von Sinai", erzählt Wüst.

Ludwig Wüst. - © M. Raneburger
Ludwig Wüst. - © M. Raneburger

Seine Filme wurden in ihrer Machart stets radikaler, wie sein Langfilmdebüt "KOMA" (2009) oder das innovative Stück "Tape End" (2011) zeigt. Sein jüngster Film "Aufbruch" feierte Premiere bei der Berlinale 2018, in der Sektion Forum, und Wüst schien damit endlich angekommen an einem Ort, an dem er sich künstlerisch wohlfühlte.

"Aufbruch" ist eine reife Arbeit: Darin spielen Wüst selbst und Claudia Martini zwei Menschen, die sich zufällig begegnen; beide sind enttäuscht worden im Leben, aber davon wird zunächst kaum gesprochen. Sie brechen zu einer Reise auf, die kein Ziel kennt. Wüst ist ein Meister des kinematografischen Minimalismus, bei ihm entschleunigt sich die Tragödie, ohne ihre Brisanz zu verlieren. Ein Film, der den Menschen darin und dem Zuschauer vor der Leinwand den Wert des Menschseins veranschaulicht. Freilich kein zugänglicher Spaziergang für Kinobesucher mit Sehnsucht nach Zerstreuung, aber für die interessiert Wüst sich ohnehin nicht: Er will seine Zuschauer fordern und konfrontiert sie außerdem mit analogen Bildern; sie entstammen zwar auch einer digitalen Welt, aber man sieht es ihnen nicht an.

Wüst ist Verfechter des Handgemachten, das ist auch der Grund, weshalb er nicht nur Theater und Film inszeniert, sondern zudem Holzarbeiten herstellt. "Die allgegenwärtige Digitalisierung birgt unendlich viele Möglichkeiten, unser Leben im 21. Jahrhundert zu verbessern. Was es an unersetzbaren Verlusten im täglichen Leben mit sich bringen wird, ist noch nicht abzuschätzen", findet Wüst, und denkt deshalb an sein Handwerk. "Vor 30 Jahren habe ich das Tischlerhandwerk gelernt. Dieses Handwerk ist 2019 fast ausgestorben. Gerade deshalb möchte ich in meinem Film ‚Aufbruch‘ auch davon erzählen, von der Sinnlichkeit und der Erfahrung, mit diesem Handwerk das wunderbare Material Holz zu bearbeiten, mit meinen Händen und mit Werkzeugen, aber ohne Maschinen oder moderne technische Hilfsmittel. Der schöpferische Akt mit einem sinnlichen Material und die großartigen gestalterischen Möglichkeiten unserer Hände, die heute meist nur die Tasten eines digitalen Mediums bedienen, faszinieren mich."

Die Diagonale hat Wüst seit jeher eine Auslage geboten, jetzt kommt ihm bei der diesjährigen Filmschau eine umfassende Würdigung zu: So wird die Diagonale nicht nur ausgewählte Wüst-Filme zeigen und seinen Zugang zu Film und Kino mit einem von ihm kuratierten internationalen Kurzfilmprogramm beleuchten, sondern auch die Arbeit am Material Holz sowie auf den Theater-Brettern in den Fokus rücken. Erstmals kooperiert die Diagonale mit dem Schauspielhaus Graz, wo am 21. März die Premiere von Wüsts Inszenierung von August Strindbergs "Fräulein Julie" gefeiert wird.

Weitere Informationen finden Sie unter:

http://www.diagonale.at/theater-kino-holzarbeit/