Graz. Nikolaus Geyrhalter liebt die grundsätzlichen Themen des Lebens. Viele seiner Filme befassen sich mit Orten, an denen wesentliche Dinge über die Welt erzählt werden können. Ob das jetzt sein Besuch in "Pripyat" bei Tschernobyl war, ob das seine Suche nach "Nicht-Orten" in Europa gewesen ist wie in "Abendland", oder auch zuletzt sein Stimmungsbild aus der Brenner-Region über die ab 2015 befürchteten Flüchtlingsmassen und die geplanten Gegenmaßnahmen in "Die bauliche Maßnahme": Geyrhalter sucht in seinen Dokumentarfilmen stets den Weitblick in eine Welt aus facettenreichen Einzelteilen, die in seinen Bildern zu einem großen Ganzen montiert werden. "Mein Motto ist Sammeln und Jagen", sagt der 47-jährige Wiener Regisseur. "Es sind Bilder, die ich an Orten finde, zu denen man gewöhnlich keinen Zugang hat. Dabei suche ich sehr häufig nach Totalen, die oft lang genug stehen gelassen werden müssen, damit man sich darin verlieren kann, damit man darin die Details entdecken kann. Das ist eine sehr demokratische Herangehensweise, denn das Publikum kann zu einem gewissen Grad selbst bestimmen, was es sich ansieht."

Genau in dieser Machart gesellt sich nun der Film "Erde" zu seiner inzwischen umfangreichen Filmografie hinzu. Die Diagonale in Graz zeigt "Erde" als Österreich-Premiere, nachdem der Film heuer bei der Berlinale in der Sektion Forum seine Uraufführung erlebte. In "Erde" geht Geyrhalter gewohnt bildgewaltig der Frage nach, wie der Mensch sich seine Umwelt zu eigen macht. "Seit Jahren liest man in den Medien, dass der Mensch geologisch gesehen viel mehr Erde bewegt, als es die Natur tut", so Geyrhalter. Und zwar mit Baggern, Bohrern oder Dynamit. Geyrhalters Streifzug führt ihn in Steinbrüche, an Großbaustellen oder zu Kohlebergwerken, er untersucht dabei nicht nur die Orte, sondern zeigt auch die Menschen, die hier schuften, um der Natur die Überhand über den Planeten abzuringen. "Eine Bestandsaufnahme der Menschheit als wichtigster Einflussfaktor auf die fundamentalen und unwiderruflichen Veränderungen ihres Heimatplaneten", so beschreibt der Filmemacher es selbst. In sieben Kapiteln führt Nikolaus Geyrhalter an Stätten des Tage- und des Tiefbaus in Europa und Nordamerika, die sonst nur schwer zugänglich sind.

Die Idee zu dem Film kam Geyrhalter schon vor 20 Jahren, als er einen alten Bauernhof übernommen hat. "Aus der Erde kommen wir und dahin gehen wir", sagt er. "Das ist das Grundsätzliche. Und was den Bauernhof betrifft: Da mussten wir sehr viele Dinge tun, die mit Erde in Verbindung standen. Seither besitze ich einen Bagger, inzwischen schon eine zweite Generation. Ich kann die Dinger also bedienen."

"Erde" liegt eine elementare Erfahrung zugrunde: "Das erste Mal, als ich mit meinem Bagger in eine grüne Wiese gefahren bin und dann dort - ohne Kraftaufwand und nur mit zwei Joysticks - mit der Schaufel in die Erde gefahren bin, dachte ich: Eigentlich steht mir das nicht zu, oder? Natürlich wächst über diese ‚Wunde‘ in der Erde schnell wieder Gras, aber diese Erfahrung hat mich nicht mehr losgelassen, und ich denke seither darüber nach, daraus einen Film zu machen."

Gedreht werden Geyrhalters Filme mit sehr kleinen Teams, es sind maximal drei bis vier Personen mit am Set, die dem Regisseur beim Ton oder bei der Kamera assistieren. "So ein kleines Team hält mich wendig und flexibel", so der Regisseur. Und zugleich baut Geyrhalter darauf, dass seine Crew ihn auch als inhaltliches Sensorium bei der Umsetzung des Themas unterstützt. "Es ist immer wieder überraschend, wenn wir uns solche Orte erarbeiten. Es gibt Bilder, die mir sehr klar sind, wie sie zu sein haben. Und zugleich muss man diese Orte immer wieder abklopfen auf weitere Details, auf Töne, auf das, was neben dem Bild passiert. Das ist die Aufgabe meines Teams."

Nikolaus Geyrhalter zeigt die Wunden der Erde. - © Katharina Sartena
Nikolaus Geyrhalter zeigt die Wunden der Erde. - © Katharina Sartena

Aus dieser Arbeitsweise entwickelte Geyrhalter über die Jahre eine unverkennbare Ästhetik. Eine, wie sie auch in Ansätzen bei einigen Filmen von Michael Glawogger oder frühen Arbeiten von Ulrich Seidl zu finden ist. "Ich habe versucht, diese Optik zu perfektionieren. Zugleich ist sie für mich auch eine - überaus wichtige - Limitierung", findet Geyrhalter. "Es gibt nämlich Themen, über die ich keinen Film machen könnte. Ich brauche Orte, die große, weite, ausladende Bilder zulassen. Meine Frau macht gerade einen Film über Roboter und künstliche Intelligenz. Das könnte ich nie. Denn dazu würde ich keine Bilder finden." Nachsatz: "Aber ich bin sicher, es gibt noch genügend Elemente auf dieser Erde, die sich als Thema für einen Film von mir eignen. Die Erde ist erst der Anfang."