"Ich bin der letzte Dichter der deutschen Sprache, das letzte deutsche Genie." Der kränkliche Gymnasiast Eugen Berthold Brecht aus Augsburg scheint an Größenwahn zu leiden, als er diese Zeilen formuliert. Doch es stellt sich schnell heraus, dass an dieser Ansage durchaus etwas dran ist: Brecht (1898-1956) ist das einflussreichste Theatergenie des 20. Jahrhunderts geworden. Regie-Veteran Heinrich Breloer hat sich nun für den TV-Zweiteiler "Brecht" (am 27. März um 20.15 in der ARD) dieser Legende angenommen und mit Tom Schilling (als junger Brecht) und Burghart Klaußner (als der ältere) ein ereignisreiches Leben porträtiert.

"Wiener Zeitung": Herr Breloer, wo reiht sich Bertolt Brecht ein in der Reihe derjenigen, zu denen Sie schon gearbeitet haben?

Heinrich Breloer: Ganz vorne. Ich hatte mich 1977 schon mit Brecht beschäftigt. Damals drehte ich in Augsburg, war sozusagen auf den Spuren des jungen Brecht unterwegs, der hier in den 1920er Jahren tätig war. Wir fanden heraus, wie er damals auftrat, und da kamen unglaubliche Geschichten ans Licht: Brecht war davon überzeugt - das hat er seinen Freunden gesagt -, dass er der nächste große Theatermann werden würde. "Ich komme gleich nach Goethe", hat er immer gesagt. Brecht hatte die Leute so beeindruckt, dass sie ihm das geglaubt haben. Er war ein kleiner junger Mann, der sich selbst hässlich fand, keine besonders guten Zähne hatte, nicht besonders gut roch. Aber wenn er den Mund aufmachte oder wenn er Gedichte schrieb, dann sahen die Leute sein Genie. Das hat Brecht natürlich gemerkt und trat entsprechend auf. Er brauchte ein Becken, in dem er schwimmen konnte.

Regisseur Heinrich Breloer dreht Bio-Pics fürs Fernsehen. - © afp
Regisseur Heinrich Breloer dreht Bio-Pics fürs Fernsehen. - © afp

Sie haben bereits etliche Berühmtheiten porträtiert. Worauf kam es Ihnen bei Brecht besonders an?

Nach meinem Film über Thomas Mann, nach "Speer und Er" und nach den "Buddenbrooks" wollte ich noch einmal zu Brecht zurückkehren. Ich habe sehr viel recherchiert, habe mit seinen einstigen Ensemblemitgliedern gesprochen, die 1948/49 bei ihm als junge Schüler begannen. Alle meine Recherchen habe ich immer auch gleich mitgedreht, es sollte daraus ein fragendes und suchendes Fernsehen entstehen, eines, das nicht allwissend ist, sondern das Entdeckungen zulässt.

Im Film interessieren Sie sich besonders für Brechts Zeit in der DDR.

Brecht war Kommunist, er war aber auch Marxist und somit denkender Kommunist. Die DDR-Regierung wollte ihn gern eingrenzen, wollte ihn nicht zu groß werden lassen, sich aber schon mit ihm schmücken. Man hat schließlich einen Stasi-Mann zu ihm geschickt, der ihn überwachte und dann Sätze hörte wie: "Ich glaube an die Lust der Menschen zu denken", wenn er zu seinem "Distanz-Theater" befragt wurde. Das hat der DDR-Führung nicht gefallen. Die wollten nicht, dass die Schauspieler zum Publikum sprechen, sondern die wollten ein Illusionstheater haben. Stanislawski aus Russland war das Vorbild. Da wird auf der Bühne ein Rollbraten serviert, dass dem Mann in der ersten Reihe das Wasser im Mund zusammenläuft. So illusionshaft sollte das sein. Dem steht Brechts Ansatz völlig entgegen. Sein Theater war daran interessiert, was das Publikum mitnimmt. Es war ihm eine gewisse Distanz wichtig, kein Theater, dass sein Publikum hineinsaugt, sondern ein episches, das Geschichten erzählt, in denen die Zuschauer sich selbst wiedererkennen.