Von all den "Wunderkindern", die das US-amerikanische Kino in den letzten 40 Jahren gebar, ist er das stillste, das bescheidenste und zugleich auch eines der begabtesten: Robert Zemeckis ist nicht der Steven Spielberg, der das Blockbuster-Genre erfand, aber seine Fantasy-Arbeiten gehören zu den prägendsten und einträglichsten der US-Kinogeschichte. Er ist auch nicht der Walt Disney der modernen Zeit, wenngleich seine Animationsfilme bahnbrechend waren. Schon gar nicht ist Zemeckis ein Alfred Hitchcock, dabei kann er virtuos auf der Spannungsorgel spielen, und auch fehlt ihm die Einzigartigkeit eines Stanley Kubrick, und doch gelingen ihm mit schöner Regelmäßigkeit Filme von ikonografischer Bedeutung für die Filmgeschichte.

Beginnen wir einmal bei Steven Spielberg. Der hat mit Zemeckis mehr gemein als alle anderen erwähnten Herrschaften, denn beide haben tatsächlich bei einen Gutteil ihrer Karriere gemeinsame Sache gemacht: Zemeckis war etwa der Autor von Spielbergs Komödie "1941" (1979), während Spielberg in irgendeiner Form an fast allen Zemeckis-Filmen als Produzent beteiligt war. Beide sprechen dieselbe Kinosprache, es geht um Fantasie und ihre Freiheit, um große und kleine Helden, verpasste Chancen und wie man sie trotzdem nutzt, um einen Event namens Kino, der in seiner Gigantomanie jeden zu begeistern vermag. Sie sind wahrlich vom selben Schlag.

Robert Zemeckis, Jahrgang 1951, zählt zu den Visionären des Hollywood-Kinos. - © afp
Robert Zemeckis, Jahrgang 1951, zählt zu den Visionären des Hollywood-Kinos. - © afp

Ausgefeilte Geschichten

Aber Zemeckis hatte schon immer den Hang zum detailreicheren Erzählen als Spielberg. Während die Dramaturgie vieler Filme von Spielberg stark von visuellen Effekten beeinflusst oder sogar auf ihnen aufgebaut ist ("Der weiße Hai", "Jurassic Park"), ist bei Zemeckis der Effekt zwar wichtig, tritt aber zugunsten einer ausgefeilteren Story oftmals in den Hintergrund. Ein Paradebeispiel hierfür ist seine "Zurück in die Zukunft"-Trilogie, in der das Thema Zeitreisen als faszinierend durchkonstruierte Deklination aus (un)vorhersehbaren Wendungen und Dopplungen, drohenden Katastrophen (das Zeit-Paradoxon!) und gefinkelter Was-wäre-wenn-Spekulation die Zuschauer gebannt in Atem hält, sodass es auf die obligatorische Action gar nicht mehr so ankommt. Sie dient (vor allem in Teil 1 und 2) wirklich allein dazu, das verzwickte Denkexperiment mit dem Reisen durch die Zeit visuell zu erzählen, und hat keine "Füllfunktion", um dramaturgische Leerstellen zu kaschieren, wie das sonst sehr häufig passiert im Blockbuster-Kino.

Angetrieben sind die meisten der Figuren in Zemeckis-Filmen von einer oft aufgezwängten Neugier und einer Konfrontation mit sich selbst. Dabei gilt es stets, sich selbst neu zu erfinden, zu bewerten, zu verorten. In "Zurück in die Zukunft" muss Marty McFly verstehen lernen, wie Zukunft und Vergangenheit sein eigenes gegenwärtiges Ich bestimmen. In "Cast Away" (2000) muss der nach einem Flugzeugabsturz gestrandete Chuck Noland (Tom Hanks) sich selbst neu definieren und sich von den Umständen zu Innovation und Erfindungsreichtum zwingen lassen. In "Contact" (1997) muss Ellie (Jodie Foster) als Teil eines Teams aus Wissenschaftern eine Reise ins All hernach damit rechtfertigen, diese tatsächlich angetreten zu haben, obwohl man ihr nicht glaubt. Auch Zemeckis’ "Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten" (1984) trägt schon ein solches Faszinosum aus der eigenen Gedankenwelt in sich: Da gerät eine Autorin in den Zwiespalt zwischen der realen Welt und den Szenarien, die sie für ihre Charaktere erfunden hat. Es ist das Spiel mit Wahrnehmungsebenen, aber auch mit faszinierenden Settings für seine Geschichten, die Zemeckis’ Filme zu fordernden Erfahrungen machen, die man nicht bloß nebenbei konsumiert. Zemeckis’ Oeuvre, das ist der Denksport unter Hollywoods großen Unterhaltern.