Im Leben der Agnès Varda gab es viele Superlativen. Sie war die erste Frau, die den Goldenen Löwen in Venedig gewann, 1985, für ihren Film "Vogelfrei". Viel früher schon, Ende der 1950er Jahre, war sie die Mitbegründerin der Nouvelle Vague, jener französischen Revolution, die das gesamte europäische Filmschaffen veränderte. Während die Haupt-Protagonisten dieser Strömung allesamt männlich waren, ist Varda die einzig weibliche Vertreterin und damit innerhalb der Nouvelle Vague eine weitere Revolution.

Zum Ende ihres Lebens hin häuften sich die Auszeichnungen: Nach 60 Karrierejahren überreichte man ihr 2017 den Oscar für ihr Lebenswerk, zwei Jahre zuvor die Goldene Ehrenpalme in Cannes, Ehrenpreise in Locarno, und beim europäischen Filmpreis, zuletzt, im Februar dieses Jahres, eine Berlinale-Kamera. Da stand sie noch gerührt auf der Bühne, verriet, dass es die Neugier ist, die sie antreibe, und lehnte es ab, als Legende bezeichnet zu werden. "Ich bin ja noch am Leben", sagte sie.

Die Kamera als Bleistift

Jetzt ist die Legende gestorben, im Alter von 90 Jahren, einem Krebsleiden erlegen, verlautete ihre Familie. In den letzten Jahren war die 1928 bei Brüssel geborene Filmemacherin wieder vermehrt aktiv, nachdem zwischen ihrem Kinofilm "Les plages d’Agnès" (2008) und ihrer Rückkehr auf die große Leinwand mit der augenzwinkernden Doku "Augenblicke: Gesichter einer Reise" (2017) doch fast zehn Jahre lagen. Zum Abschied hat die Regisseurin mit "Varda par Agnès", den sie heuer in Berlin vorstellte, noch einen schelmischen Blick in die eigene Arbeitsweise gewährt: Varda führt durch den Film und zeigt, was hinter dem für ihre Arbeit so kennzeichnenden Begriff "Cinécriture" steckt: Varda ging es darum, die Kamera wie einen Bleistift zu verwenden und mit ihr zu schreiben; alle Bereiche des Filmemachens sollten gleichwertig miteinander verschmelzen, auch, wenn das nicht selten bedeutete, dass Vardas Filme einen surrealen Touch bekamen, einen von Literatur und Fotografie durchdrungenen, und einen, der stets auch einen feministischen Standpunkt vertrat. Nicht selten ist Varda selbst in ihren Filmen aufgetreten: "Es ging mir dabei nie um Kontrolle, sondern um eine Vision, mein Universum, das ich damit zeigen wollte. Wer hätte das besser erklären können als ich selbst?"

Anfang der 60er Jahre war Varda mit "Mittwoch zwischen 5 und 7" (1961) bekannt geworden, und der Film gilt bis heute als eines der Meisterwerke der Nouvelle Vague, aber so richtig zugehörig fühlte sie sich der Gruppe rund um Truffaut, Godard, Chabrol & Co. nie. "Wir waren niemals ein verschworenes Grüppchen von Leuten, die gemeinsam über Film sprachen und dann das Filmschaffen revolutionierten. Das wäre eine falsche Vorstellung. Bei uns hat so ziemlich jeder sein eigenes Süppchen gekocht", zerstreute Varda jeden verklärenden Gedanken an diese richtungsweisende Strömung für das Weltkino.

Varda hat mit vielen ihrer Arbeiten Filmgeschichte geschrieben, darunter Streifen wie "Das Glück aus dem Blickwinkel des Mannes" (1965), "Daguerreotypen" (1975) oder eben "Vogelfrei" (1985). Schon ihr Debütfilm "La pointe courte" (1955), der sich um ein junges Paar in der Krise drehte, nahm vorweg, wie offen Varda das Medium Film für sich nutzte: Es war halb Spiel-, halb Dokumentarfilm, eine richtige Grenze wollte Varda nie ziehen.

Als Frau hinter der Kamera musste sie sich in einer Männerdomäne behaupten. "Es gab nicht viele Frauen damals, die sich zutrauten, Regie zu führen", erzählte sie einmal in einem Interview mit der "Wiener Zeitung". "Das ist heute zum Glück anders. Ich kann ihnen allein 40 Frauen aus Frankreich nennen, deren Filme erfolgreich sind. Und erfolgreich sein, das heißt heute ja vor allem: Geld zu verdienen." Sie selbst sei immer noch links, "denn die Herren der Nouvelle Vague waren ja eher ein bisschen rechts". Und: "Ich bin noch immer eine überzeugte Feministin!"

Einen Tipp für den Nachwuchs hatte Varda auch stets parat: "Heute wissen die Filmstudenten alles über Film. Ich wusste damals gar nichts davon. Und ich glaube, es ist nicht immer gut, schon alles zu wissen."