Die Toten von Lesbos, sie müssen bestattet werden, viele von ihnen bekommen ein Grab mit dem Vermerk "Unbekannt". Hunderte, Tausende sind - vor allem ab 2015 - in den kliffreichen Gewässern Griechenlands gekentert und ertrunken. Die aus Belgien stammende Filmemacherin Nathalie Borgers hat sich dieser Schicksale in ihrem Dokumentarfilm "The Remains - Nach der Odyssee" nun angenommen: Es ist eine Betrachtung mit einigem Abstand zur eigentlichen Flüchtlingskatastrophe. Der Film zeigt, wie man damit umgeht, mit den Überbleibseln der Katastrophe. Außerdem folgt Borgers einer syrischen Familie in Wien, die 2015 insgesamt 13 Familienmitglieder beim Kentern eines Bootes verloren hat - und die bis heute darum kämpft, dass ihre ertrunkenen Verwandten aus dem Meer geborgen werden. Ein Drama, das große Emotionen weckt.

"Wiener Zeitung": Frau Borgers, inwieweit kann man sich auf einen Dokumentarfilm wie diesen überhaupt vorbereiten? Man stößt allerorts auf große Tragödien.

Nathalie Borgers:Bei mir gibt es immer eine ganz klare Vorbereitung. Ich muss ziemlich genau wissen, wohin ich mit einem Film will. Ein Teil ergibt sich dann noch im Schnitt, aber es ist trotzdem ohne eine genaue Vorbereitung unmöglich, solch ein komplexes Thema zu behandeln. Ich wollte zum Beispiel die ehrenamtlichen Arbeiter auf Lesbos dokumentieren, sodass man einen Eindruck von deren Arbeit bekommt. Das sollte aber nicht wie ein kommentierter Beitrag aus einer Nachrichtensendung aussehen, sondern kommentarlos und auch ausführlich zu sehen sein, wie es sich eben für eine Kinoarbeit gehört.

Nathalie Borgers bei der diesjährigen Diagonale-Preisverleihung. - © Diagonale
Nathalie Borgers bei der diesjährigen Diagonale-Preisverleihung. - © Diagonale

Wie kooperativ ist man auf Lesbos, wenn eine Kamera auftaucht?

Das ist schwierig geworden. Ich habe zwar bereits im April 2015 erste Recherchen zum Thema gemacht, also noch bevor die große Flüchtlingswelle kam. Damals waren die Menschen noch bereit, mit mir zu reden. Doch als der große Ansturm kam, kamen auch die Medien in Massen hierher und die Bewohner hatten schon so viel mit den Medien gesprochen, dass sie nun keine Lust mehr hatten, denn alle diese Gespräche verliefen im Sand und brachten keine Änderung für sie und ihre schwierige Situation. Daher waren sie weniger kooperativ, auch die NGOs. Einige konnte ich zum Glück dennoch überzeugen, uns Einblick zu geben. Und die Spuren, die diese Krise hinterlassen hat, sind ohnehin sehr beeindruckend zu sehen.

Die in Wien lebende syrische Familie, die 13 Verwandte im Meer verlor, hat sich sehr bereitwillig geäußert. Weil sie hofft, ihre Verwandten bergen und bestatten zu können?