Dieser Film ist alles andere als gewöhnlich. Er ist Heimatfilm und Literaturschauspiel, ist Super-8-Ferienfilm und Community-Theaterprojekt, bei dem fast jeder Bewohner zwischen Krampen und Kappellen beteiligt war, inklusive Feuerwehr und Rettung.

Im Spielfilm "Die Kinder der Toten", der ab Freitag, 5. April, in ausgewählten heimischen Kinos anläuft, erlauben sich die Theatermacher Kelly Copper und Pavol Liska einen Jux mit dem gleichnamigen Roman von Elfriede Jelinek.

Entstanden ist das Unternehmen 2017 als regionales Theaterprojekt im Rahmen des steirischen herbstes unter der damaligen Leiterin Veronica Kaup-Hasler, mittlerweile Wiens Kulturstadträtin. Der Film wurde ausschließlich mit Laiendarstellern aus der Gegend besetzt, 200 haben sich gemeldet, 80 wirkten mit. Gedreht wurde an den Originalschauplätzen des Romans - in Gasthäusern, den Wäldern und Feldern von Neuberg an der Mürz. An vier Wochenenden wurden Massenszenen gefilmt, bei denen jeder mitwirken konnte, der wollte. Mittels Shuttle-Bus reisten sogar Besucher aus Wien an. Diese Aufnahmen hatten regelrecht Volksfestcharakter, es gab Imbissstände und Auftritte der örtlichen Blasmusikkapelle. Überhaupt Blasmusik: Nahezu die gesamte Filmmusik bestreitet heimische Blasmusik. Umtata mit Charme.

Jelinek und Dada

Das Theaterprojekt "Die Kinder der Toten" wurde 2018 mit dem Nestroy-Spezialpreis ausgezeichnet, der von Ulrich Seidl produzierte Spielfilm erhielt in diesem Jahr bei der Berlinale den Fipresci-Preis. Rund um dieses Mammutunternehmen hat Ulrich A. Reiterer mit "Die Untoten von Neuberg" ein Making-of gedreht, zudem gibt es eine Ausstellung mit Filmset-Fotos und ein Symposium im Wiener Stadtkino.

Copper und Liska haben den gesamten Film im Super-8-Schmalfilmformat gedreht. Das Material ist ein Statement: Super 8 war in den 1970er Jahren das Medium für Hobby-Filmer, man denkt automatisch an verwackelte Familienaufnahmen, aber kaum an einen Hollwood-Spielfilm. Super 8 ist somit wie geschaffen für Copper und Liska, die sich in ihrer künstlerischen Arbeit konsequent über Grenzen zwischen Profis und Laien, Hoch- und Populärkultur hinwegsetzen.

Das Künstlerduo kommt aus der New Yorker Avantgardeszene, in der Improvisation und Do-it-yourself-Praktiken, die mitunter an Dada erinnern, nicht unüblich sind. Unter dem Namen Nature Theatre of Oklahoma arbeiten sie seit Jahren an der Schnittstelle zwischen Theater, Film und Laienkunst, haben zahlreiche partizipative Projekte und Site-specific-art-Unternehmungen wie im Fall von "Die Kinder der Toten" entwickelt und umgesetzt.

Die Entscheidung für Super 8 war folgenreich: Der Film verfügt zwar über eine ausgeklügelte Tonspur, samt Blasmusik und dadaistischer Geräuschkulisse, kommt aber ohne Dialoge aus. Jelineks wortmächtige Sprache wird in diesem Stummfilm auf wenige Satzfragmente reduziert. Das fällt aber kaum ins Gewicht, denn die Handlung des Films hat ohnehin kaum Berührungspunkte mit dem Roman. Jelineks Opus Magnum, 1995 entstanden, hat die Shoa als Dreh- und Ankerpunkt. Holocaust-Opfer bevölkern als Untote den Roman und wollen sich auf Kosten der Lebenden befreien.

Diese gespenstigen Vorgänge übernehmen die Filmemacher, es kommt in der Pension "Alpenrose" zu einem makaberen Totentanz zwischen zombieartigen NS-Offizieren und ermordeten KZ-Häftlingen, die übrigen Wirtshausgäste haben dabei Palatschinken im Gesicht. Von Jelineks Figurenpersonal rückt der Film die Sekretärin Karin Frenzel (Andrea Maier) und deren autoritäre Mutter in den Vordergrund. Dafür gibt es viele Nebenhandlungen, die so bei Jelinek nicht vorkommen, aber durchaus von der Nobelpreisträgerin stammen könnten, etwa jene syrischen Lyriker, die am Kirchplatz verhungern.

"Die Kinder der Toten" ist gewiss keine herkömmliche Literaturverfilmung, vielmehr ein eigenwilliger Horror-Heimat-Zombiefilm, ein Oeuvre d’art macabre.