Vergangene Woche gab er bekannt, dass er als nächstes Project 2020 den Arc de Triomphe in Paris "einpacken" wird. Vor dem malerischen Bergpanorama der italienischen Alpen realisierte der legendäre, inzwischen 83-jährige Installationskünstler Christo vor drei Jahren auf dem Lago d’Iseo seine "Floating Piers". Der bulgarische Regisseur Andrey Paounov blickt in der Doku "Christo - Walking on Water" (ab Freitag im Kino) hinter die Kulissen und verfolgt den turbulenten Entstehungsprozess dieses gigantischen Kunstwerkes.

"Wiener Zeitung": Ihre mit leuchtend gelben Stoffbahnen bespannten Stege aus schwankenden Pontons verbanden die beiden Inseln Monte Isola und San Paolo mit dem Ufer. Über 1,2 Millionen Besucher nutzten die Gelegenheit, auf dem Wasser zu laufen. Was faszinierte die Menschen wohl daran?

Christo: Wir hatten natürlich nicht mit so vielen Leuten gerechnet. Damit beschäftige ich mich nicht vorrangig bei unserem künstlerischen Prozess. Aber ich denke, der Mensch besteht ja selbst aus 60 Prozent Wasser. Vielleicht trägt das zu dieser Anziehungskraft bei. Außerdem war die Oberfläche nicht einfach nur flach, sondern die Stege bewegten sich mit den Wellen. Das ist schon ein besonderes Gefühl.

"Floating Piers" ist Gegenstand einer neuen Kino-Doku über Christo. - © Thimfilm
"Floating Piers" ist Gegenstand einer neuen Kino-Doku über Christo. - © Thimfilm

Ihr abstraktes Kunstwerk in dieser Landschaft existierte nur für 16 Tage. Wenn Sie nach Jahren und Jahrzehnten ein Projekt endlich verwirklichen, ist nach zwei Wochen alles vorbei. Macht Sie das nicht melancholisch?

Nein, denn es ist einmal da gewesen. Die Vergänglichkeit ist ein essenzieller Teil unserer Projekte. Das Kunstwerk ist unverkäuflich. Niemand kann Eintrittskarten verkaufen, niemand kann es besitzen. Sogar Jeanne-Claude und ich haben keinen Besitzanspruch darauf. Unsere Arbeiten besitzen eine ungeheure Freiheit, denn sie sind total nutzlos, irrational und unnötig. Es gibt sie nur, weil Jeanne-Claude und ich sie sehen wollten. Deshalb haben sie diese besondere Aura und machen aus Menschen Kunst-Groupies. Sie wollen sich das anschauen und an einem Moment teilhaben, der nie wiederkommen wird. Wir haben kein einziges Projekt zweimal gemacht. Aber jedes hat eine eigene Dokumentationsausstellung mit Miniaturmodellen, Videos und Fotos. Diese Ausstellungen gehören uns, und meine Frau Jeanne-Claude hat vor ihrem Tod alles dafür getan, um eine neue Heimat für sie zu finden.

Nerven Sie der Genehmigungsprozess und die schwierigen Verhandlungen mit Behörden nie?

Das sehe ich eher als Herausforderung. Und letztlich sind in 50 Jahren insgesamt 21 realisierte Projekte zusammengekommen. Nur 23 wurden abgelehnt. Ganz im Gegensatz zu Architekten, die planen und planen, um dann doch nichts verwirklichen können. Bei einigen Projekten verlieren wir das Interesse und kommen zu dem Schluss, dass wir sie nicht mehr machen wollen. Andere bleiben in unseren Herzen. An denen arbeiten wir weiter, oft Jahrzehnte. Die Floating Piers zum Beispiel wurden 1970 ursprünglich für den Rio de La Plata in Argentinien konzipiert. Dann versuchten wir es mit dem Projekt 1996/97 auf Odaiba in der Bucht von Tokio, aber wir bekamen keine Genehmigung. Zum Glück, wie sich herausstellte, denn der Ort in Italien war viel besser.