Es ist gar nicht so einfach, in den Filmen von Jia Zhangke ein Paradigma handfester System- und Gesellschaftskritik zu erspähen. Der chinesische Regisseur verwebt sie lieber so subtil in seine Filme, dass selbst die strengen Zensurbehörden in China nicht wirklich etwas dagegen haben können. Und doch ist sie permanent da, die Kritik am eigenen Land, oder besser: am Staat, der unter der kommunistischen Führung alles geradebiegt, was ihm nicht passt. Ein China, das mächtig wurde durch das Hereinlassen von Kapital, durch das Aufstreben zu einer Weltwirtschaftsmacht, die ihresgleichen sucht, in einer Zeitspanne, die geringer nicht sein könnte.

Jia Zhangke hat diesen Aufschwung miterlebt. Er wurde 1970 geboren und war dabei, wie der Turbokapitalismus das Land um 180 Grad veränderte und es vom bäuerlichen, ärmlichen Großstaat zum Hightech- und Geldzentrum der Welt machte. All das hinterlässt Spuren, insbesondere in der chinesischen Gesellschaft, die heute mit jener aus Zhangkes Geburtsjahr kaum mehr vergleichbar scheint. Allein die 80.000 Kilometer Eisenbahnnetz - Jia Zhangke liebt die Eisenbahn als Motiv in seinen Filmen -, allein dieses Netz hat China, dieses riesige Ungetüm, kleiner gemacht, hat Chinesen, die weit entwurzelt voneinander leben müssen, eventuell als Folge der kapitalistischen Umwälzungen, wieder näher zueinander gebracht.

Chronist chinesischer Gegenwart

Doch der Regisseur, der sich selbst als Chronisten der chinesischen Gegenwart bezeichnet, ist kein Mitläufer dieser rasanten Veränderungen. Er ist ein Dokumentarist, einer, der kommentarlos Zustände festhält in seinen Filmen, auf dass man sie aufspüren kann, wenn man will. Wer wegsieht, sieht sie nicht.

In seinen Filmen dominieren ausladende Totalen, in denen man sich wie in einem Suchbild verlieren kann. Zugleich liebt Jia Zhangke auch den Einsatz von extremen Großaufnahmen; Kontraste zu schaffen, das soll sein Publikum anregen, sich eine eigene Meinung zu bilden, vielleicht ist auch das ein Grund, weshalb bei ihm die Zensur nicht wirklich fündig wird. Denn bei Zhangke muss man sich die Kritik am System als Zuschauer erst selbst zusammendenken. Ein ziemlich kluger Schachzug.

Jia Zhangke gehört der sechsten Generation von Filmemachern an, in China teilt man diese Künstler gerne so ein. Die Vorgängergeneration, die fünfte, hatte sich in den 80er Jahren bereits mit den Verhältnissen in China in sehr kunstvollen filmischen Auseinandersetzungen geübt, während die sechste Generation ab Ende der 90er Jahre bis heute ganz unverhohlen darangeht, die Ist-Zustände im Land abzubilden. Jias Kollegen wie Zhang Yuan, Wang Xiaoshuai oder Wang Bing zählen dazu, aber Jia Zhangke ist ihr berühmtester Vertreter (im Westen), und zwar spätestens, seit er 2006 für sein Drama "Still Life" in Venedig den Goldenen Löwen gewann. Der Film, die Suche zweier Menschen beim Drei-Schluchten-Damm nach ihren einstigen Partnern, war damals wie ein Seismograph für den Zustand Chinas, bei dem die Nadeln in alle Richtungen heftig ausschlugen; in ruhigen Bildern schöpfte der Film die unterschiedlichsten sozialen Schichten und Schicksale vor dem Hintergrund des aufstrebenden Chinas ab und wurde zum Kaleidoskop von Menschen, die auf der Strecke bleiben, menschlich, wirtschaftlich, psychisch, auch moralisch. Zugleich aber illustrierte Jia Zhangke damit auch die Strecke, auf der sich China befand, dabei mächtig Fahrt aufnahm und wie in einem Schnellzug von Erfolg zu Erfolg raste. Und das alles eingefangen in scheinbar banalen Bildern eines immer richtungsloser werdenden chinesischen Alltags.