Ryme City. Es war eine interessante Kindheit, die Satoshi Tajiri Anfang der Siebzigerjahre in einem Vorort von Tokio verlebte. Der Bub verbrachte seine ganze Freizeit damit, auf Feldern und an Bächen Insekten zu fangen, sie zu erfassen und zu zeichnen. Er stellte sich vor, wie es denn wäre, wenn er die Käfer und Mücken gegeneinander in einer Arena kämpfen lassen könnte. Welche Attacken sie erlernen könnten und welche Taktik zum Sieg über den Gegner führen würde. Satoshi treib es soweit, dass ihn seine Schulkollegen "Dr. Insekt" nannten - ob das im Japanischen schmeichelhaft gemeint ist, sei einmal dahingestellt.

Tatsache ist, dass der junge Mann, als er das erste Mal einen Gameboy von Nintendo in den Händen hielt, davon überzeugt war, jenes Werkzeug gefunden zu haben, das seiner wohldurchdachten Fantasiewelt eine echte Heimat geben könnte. Er begann für Nintendo zu arbeiten, und die Kreativität des seltsamen jungen Mannes mit dem nerdigen Hobby trieb üppige Früchte: 1996 waren die Pokémons geboren.

Und, wie das eben so ist, wenn Nerds etwas für andere Nerds machen: die Kampfmonster mit den seltsamen Namen schlugen ein wie ein Hyperstrahl in ein unvorsichtiges Evoli: Allein die Nintendo-Spiele verkauften sich seitdem unfassbare 324 Millionen Mal. Doch das ist noch nichts gegen das Sammelkartenspiel, von dem an die 26 Milliarden Einheiten umgesetzt wurden. Die Anime-Fernsehserie, bei deren vielen Staffeln auch Fans schon mal den Überblick verlieren, ist in 160 Ländern zu sehen. 20 Animationsfilme entsprangen bislang dem Pokémon-Kosmos. Von Spielzeug, Plüschtieren, Comics und Büchern ganz zu schweigen.

Justice Smith mit Fell-Partner. - © Courtesy of Warner Bros. Picture
Justice Smith mit Fell-Partner. - © Courtesy of Warner Bros. Picture

Und den Sommer 2016 werden wohl viele noch in Erinnerung haben, als ein wahrer Run auf die neue Spiele-App "Pokémon Go" das Internet so belastete, dass das Spiel (sehr zum Ärger der vielen Fans) Land für Land freigegeben werden musste, um nicht einen völligen Server-Crash auszulösen. In Zahlen gegossen bedeutet das: 850 Millionen Mal wurde "Pokémon Go" seither auf einem Handy installiert. Und begeistert trotz eines gewissen Abflachens nach dem Hype zu Beginn noch immer Fans jeden Alters.

Plaudertasche in Gelb

Doch erst jetzt erwacht die Welt der kleinen, knuddeligen Wesen so richtig zum Leben. Denn erstmals wurde ein Realfilm produziert, in dem die Pokémon in CGI-Computergrafik in Roger-Rabbit-Manier dem 21-jährigen Tim (Justice Smith) auf der Suche nach seinem verschwundenen Vater helfen (Filmstart: 9. Mai). Das gibt den Pokémons rund um den klassischen Meisterdetektiv Pikachu (komplett mit Sherlock-Holmes-Deerstalker-Mütze und Lupe) die Möglichkeit, sich zu entfalten. Nicht nur optisch (man beachte das fein gezeichnete Kuschelfell!) sondern auch sprachlich. Denn Pikachu (der bisher im Canon, wie alle Pokémons, auf das vielsagende Sprechen seines eigenen Namens beschränkt war) spricht! Besser gesagt: Tim (und damit auch wir Zuschauer) ist in der Lage, ihn zu verstehen - alle anderen in dieser erzählten Welt der fiktiven Stadt Ryme City hören nach wie vor nur "Pika-pika!".