Mit "Erde" (ab kommendem Freitag im Kino) hat sich der Wiener Dokumentarfilmer Nikolaus Geyrhalter bei Menschen umgesehen, deren Geschäft es ist, Erdreich zu bewegen: Steinbrüche, Minen, Grabungen - überall macht Geyrhalter Station mit seiner Kamera und sieht den Arbeitern dabei zu. Er stellt auch eine moralische Frage: Welches Recht hat der Mensch eigentlich, das Antlitz der Erde nachhaltig zu verändern?

"Wiener Zeitung": Herr Geyrhalter, inwieweit lassen Sie sich von dem leiten, was Sie vorfinden? Und wie viel Konzept gibt es vor Drehbeginn für Ihre Filme?

Nikolaus Geyrhalter: Drehbuch gibt es gar keines. Es gibt eine Idee, wo das ungefähr hinführen soll. Es ist aber nichts schöner, als wenn man mit einer Realität konfrontiert wird, die anders ist als die, die man sich vorgestellt hat. Das ist auch der Unterschied zu Fernsehdokumentationen, die einfach von vornherein durchgescriptet sind von A bis Z, und in denen jeder Sager eigentlich schon vorgeplant ist. So mag ich überhaupt nicht arbeiten und deswegen suche ich mir immer Themen, die mir viel Freiheit lassen. Im Fall von "Erde" bestand diese Freiheit darin, spontan zu sein. Wir haben drei Dreh-Absagen von Kohleminen bekommen und quasi als letzten Ausweg in Ungarn gedreht. Das war toll. Auch in Spanien lief es so, nachdem uns für das Thema Kupfer in Chile oder in Südafrika abgesagt wurde. Man muss sehr offen bleiben und darf sich auf keinen Fall vor Dingen verschließen, nur weil sie anders sind, als man sich erwartet hat.

Nikolaus Geyrhalter: "Drehbuch gibt es keines." - © Katharina Sartena
Nikolaus Geyrhalter: "Drehbuch gibt es keines." - © Katharina Sartena

Trotzdem hat "Erde" eine sehr genaue formale Struktur. Jedes Kapitel beginnt mit einem Blick aus der Vogelperspektive. Wieso?

Wir haben eine Möglichkeit gesucht, die Kapitel einzuleiten. Wir haben in der Recherche die Locations erst einmal von oben angeschaut. Da sieht man, wie klein eigentlich diese Riesenmaschinen sind und von welchen Dimensionen wir sprechen. Umgesetzt haben wir das mit Drohnen und Hubschraubern. Und einmal haben wir ein Satellitenbild gekauft und animiert, weil man dort gar nicht fliegen durfte. Aber wenn ein Konzept einmal steht, dann muss man es durchziehen.

Das Satellitenbild gekauft und animiert, wie kann man sich das vorstellen?

In Kanada bei den Ölsanden darf man wirklich weder mit Drohnen noch mit anderen Flugobjekten fliegen. Da ist ein totales Flugverbot, weil dort so viel Flugverkehr herrscht. Und es gibt ja diverse Firmen, die diese Bilder eben verkaufen.

Das sind aber Standbilder.

Das war ein Foto. Im Grunde genommen dasselbe Foto, das bei Google Earth eine Zeit lang verwendet wurde, inzwischen haben sie ein aktuelleres. Digital Globe heißt die Firma. Da ruft man an, sagt die Koordinaten, zahlt ein paar hundert Euro und kriegt es. Das ist relativ simpel. Und dann wurden in der Postproduktion alle LKW herausgeschnitten, erst einmal das Bild sozusagen leer gemacht und dann die LKW wieder durchgezogen, bewegt und Staubwolken dazugerechnet. Also wenn, dann muss es so gut funktionieren, dass es nicht auffällt. Es darf die Erzählung nicht irgendwie stören und es darf niemand anfangen, nachzudenken, warum das irgendwie komisch ist.