Man soll bloß nicht denken, in Cannes herrsche kein Ausnahmezustand, nur, weil die (vorwiegend betagten) Bewohner der Stadt an der Croisette am Sonntag vormittag gemütlich über den Marché Forville streunen, um hier ihr frisches Gemüse zu kaufen. Auch die (ebenfalls vorwiegend betagten) Touristen haben keine Eile, sie machen in aller Ruhe Fotos vom berühmtesten roten Teppich der Welt, auch, wenn dieser noch gar nicht verlegt wurde.

Das passiert erst am Montag Nachmittag, denn der Teppich soll noch strahlend rot aussehen, wenn die Stars am Dienstag darüber schreiten. Hinter den Kulissen ist es daher bereits vorbei mit der Ruhe: Ehe der ganze Tross an Stars, ihren Agenten, Managern, Make-up-Artisten und PR-Leuten einfällt, gilt es, die Sicherheit an der Croisette zu gewährleisten. Heuer soll dies durch überdimensionierte Betonblumentöpfe sichergestellt sein, aus denen monströse Palmen und andere exotische Gewächse ragen. So ist der Charme des Optischen ideal mit dem Nutzen verknüpft - schließlich soll niemand auf die Idee kommen, mit einem LKW oder dergleichen in eine Menge zu rasen.


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Infos zum Festival: www.festival-cannes.fr
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250.000 feiern das Kino

Dennoch ist und bleibt Cannes, diese Mutter aller Filmfestivals, ein unüberschaubares Dorf. Normalerweise leben hier rund 75.000 Menschen, während des Festivals schwillt die Bevölkerungszahl wegen der Gäste kurzfristig auf 250.000 Menschen an. Wenn die alle zur gleichen Zeit im Stadtzentrum und beim Palais des Festivals auftauchen, herrscht ein endloses Verkehrschaos, das kilometerweit an den Trillerpfeifchen der französischen Polizisten zu erkennen ist.

Wobei: Das mit dem Ansturm auf Cannes ist auch nicht mehr das, was es einmal war: Etliche Vermieter von Ferienwohnungen klagen über zu viele leerstehende Apartments, da sich viele professionelle Cannes-Besucher (darunter 4000 Journalisten), die seit Jahren kommen, die zwei Wochen an der Cotê-d-Azur nicht mehr leisten können und wollen. Auch zahlreiche Hotelzimmer sind zwei Tage vor Festivalbeginn noch zu haben. Allerorts gestiegene Preise (das Glas Wein in einem normalen Straßencafé gibt es nicht unter 6,50 Euro) sind entweder Folge des oder Grund für das Ausbleiben der Gäste.

An Schaulustigen wird es auch in diesem Jahr nicht mangeln. Zur Eröffnung der 72. Filmfestspiele tritt Jim Jarmuschs neuer Film "The Dead Don’t Die" im Wettbewerb an - mit einer famos klingenden Besetzung: Die Zombiekomödie versammelt Adam Driver, Steve Buscemi, Bill Murray, Selena Gomez, Tom Waits, Chloe Sevigny und Tilda Swinton vor der Kamera. Sie alle werden den roten Teppich überqueren. Für einen gelungenen Auftakt muss es sich jetzt nur mehr der für Dienstag angekündigte Starkregen anders überlegen.