Mit ihrem ersten englischsprachigen Film "Little Joe" ist die Wiener Regisseurin Jessica Hausner heuer erstmals im Wettbewerb um die Goldene Palme beim Filmfestival in Cannes dabei. Schon 2001 war sie mit "Lovely Rita" in der Reihe "Un certain regard" vertreten, zuletzt 2014 mit ihrem famosen "Amour fou". Der Sprung in den Wettbewerb setzt sie in Konkurrenz zu Filmemachern wie Jim Jarmusch, Quentin Tarantino, Ken Loach oder Pedro Almodovar. Ein Druck, mit dem Hausner umzugehen weiß, wie sie verriet. Die Weltpremiere von "Little Joe" findet am kommenden Samstag statt.

"Wiener Zeitung": Ist die Einladung in den Wettbewerb für Sie ein Karriere-Höhepunkt?

Jessica Hausner: Mit Sicherheit! Die Teilnahme am Wettbewerb von Cannes war schon immer ein Ziel von mir. Beim Schnitt von "Little Joe" gab es allerdings den Moment, wo ich mir dachte, ach egal, wo der Film gezeigt wird - ich mache einfach meinen Film und der wird sein Eigenleben haben. Ich habe also versucht, mich von diesem Festival-Druck zu lösen. Ich war natürlich umso glücklicher, als ich das E-Mail von Cannes-Festival-Chef Thierry Frémaux las - und ich habe laut geschrien: "Wir sind drin!" Dann wurde erst einmal gefeiert.

Denkt man auch darüber nach, ob man im Wettbewerb auch einen Preis gewinnen könnte?

Das wäre natürlich ganz toll - aber ich bin jetzt schon ziemlich glücklich. Wie jedes Jahr sind natürlich viele Superstars der Regie am Start. Was ich am Wettbewerb interessant finde, ist, dass man sich jetzt auch in Cannes bemüht, mehr Frauen hereinzuholen. Dieses Jahr sind vier Frauen dabei, und das halte ich für irrsinnig viel, denn es gab in Cannes ja auch Jahre, wo nur eine oder zwei Regisseurinnen im Wettbewerb waren. Auch in der Jury gibt es Regisseurinnen: Alice Rohrwacher und Kelly Reichardt etwa. Das sind Kolleginnen von mir, in meinem Alter, deren Filme ich total schätze. All das zeigt, dass das Festival versucht, moderner zu werden und mit der Zeit zu gehen.

Sie selbst kann man fast schon als eine Cannes-Veteranin bezeichnen. Haben Sie das Gefühl, dass sich das Festival verändert hat?

Ich kam 2001 zum ersten Mal mit "Lovely Rita" nach Cannes. Mein Gefühl ist, dass es seither beim Festival noch wichtiger wurde, dass ein Film kommerziell ist. Die künstlerische Qualität eines Films ist natürlich die Voraussetzung. Aber hinzugekommen ist, dass man irgendwie auch einen kommerziellen Effekt erzielen muss; vielleicht durch bekannte Schauspieler. Das ist mein persönlicher Eindruck, den man natürlich auch widerlegen kann - vielleicht stimmt das alles gar nicht.