Noch vor Beginn der 72. Filmfestspiele in Cannes am Dienstag Abend regt sich der Unmut eines Teils der Öffentlichkeit: Der französische Weltstar Alain Delon, inzwischen 83 Jahre alt und unbestritten ein Schauspieler, der Filmgeschichte geschrieben hat, soll beim Festival in Cannes für sein Lebenswerk mit einer Goldenen Ehrenpalme geehrt werden - nur das gefällt vielen in der Filmbranche nicht. Delon war in der Vergangenheit dadurch aufgefallen, sich nicht nur politisch rechts zu positionieren (er ist dem Vernehmen nach ein guter Freund des Le Pen-Clans in Frankreich und steht dem politischen Programm des Front National nahe), sondern hat sich der US-Organisation "Women and Hollywood" zufolge in der Vergangenheit auch immer wieder sexistisch und homophob geäußert. Die Organisation zeigte sich jedenfalls "zutiefst enttäuscht" über das Festival und seine Entscheidung, Delon auszeichnen zu wollen. Man wolle nun eine Petition gegen die geplante Auszeichnung am 19. Mai starten.

Cannes-Festivalchef Thierry Frémaux jedenfalls bezog rasch Stellung zu den Vorwürfen, indem er den anwesenden Journalisten am Montag in Cannes mitteilte: "Delon hat das Recht, privat zu denken, was er will. Aber wir überreichen ihm hier ja nicht den Friedensnobelpreis, sondern wollen ihn für seine Leistungen in der Filmgeschichte ehren".

Das Festival hält fest an der Entscheidung, Delon auszuzeichnen. Dass damit einmal mehr eine Debatte ausbricht, die sich in den letzten Jahren durchaus gehäuft hat, liegt auf der Hand - egal, ob man Künstler wie Michael Jackson wegen seiner mutmaßlichen sexuellen Vergehen an Kindern nun aus etlichen Radiostationen verbannt hat oder die Bilder Emil Noldes wegen seiner nunmehr entdeckten Vorliebe für den Nationalsozialismus nicht mehr ausstellt - die Debatte, wie sehr Künstler und Werk miteinander verzahnt sind, wird erst geführt werden müssen und entbrennt in Cannes am Beispiel Delons derzeit erneut. Es könnte auch ein Flächenbrand werden, der am Ende zur Folge hat, dass Delon ganz auf sein Kommen verzichtet. Kommt er, wird es jedenfalls ausreichend Buh-Rufe geben - von jenen, die gegen ihn sind, und von jenen, die kein Problem damit haben, den Künstler von seinem Werk zu trennen.