Thierry Frémaux lädt die Presse zum Gespräch. Das ist nicht ungewöhnlich, denn der Festivalchef von Cannes ist ein brillanter Redner. Er liebt den Dialog, für manche klingt es dann doch mehr wie ein Monolog, wenn er loslegt. Aber die Presse will Frémaux gerne mit allem versorgen, was sie wissen will - erstaunlicherweise stellte niemand die Frage nach Netflix; das Festival von Cannes liegt mit dem Streamingdienst seit dem Vorjahr im Clinch, weil man dessen Filme nicht ins Programm aufnehmen will - sie sind schließlich nicht fürs Kino gemacht. Dazu gäbe es auch nichts Neues zu sagen, meinte Frémaux nur knapp, der selbst nicht glauben konnte, dass das Thema nicht angesprochen wurde und er es schließlich selbst tat.
Davor aber die großen Themen des Festivals: Wieso man Delon, den Le-Pen-Sympathisanten, eine Ehrenpalme überreichen will? "Wir geben ihm ja nicht den Friedensnobelpreis, sondern einen Preis für sein Werk", verteidigte Frémaux die Entscheidung. Wieso Tarantino so wichtig ist für Cannes? "Weil er einer der größten Regisseure in der Geschichte des Festivals ist", so Frémaux - Tarantino hatte 1994 hier mit "Pulp Fiction" die Goldene Plame gewonnen und etliche seiner Filme hier vorgestellt - kommende Woche wird sein neuer Film "Once Upon a Time in Hollywood" an der Croisette Premiere feiern. "Tarantino war sehr spät dran, denn der Film wurde erst knapp vor Cannes fertig", sagt Frémaux. Und nimmt dann auch gleich den Kritikern den Wind aus den Segeln, er zeige bloß die Filme der immer gleichen Regisseure. "Wir haben heuer 50 Prozent bekannte Namen im Programm, und 50 Prozent ganz neue Gesichter".

Was die Geschlechterparität angeht, hinkt man dem Ideal jedoch noch hinterher: "Wir wollen als Festival bis 2020 jeweils 50 Prozent Männer und 50 Prozent Frauen beschäftigen", sagt Frémaux. "Aber die Filmauswahl wird niemals geschlechterparitätisch erfolgen". Sie richte sich einzig und allein nach der Qualität der eingereichten Arbeiten. Und davon waren es heuer rund 1900 Langfilme - gerade einmal 21 davon haben es in den Wettbewerb geschafft. Die Auswahl ist überaus streng - und genau darauf ist Thierry Frémaux auch stolz. Schließlich sei Cannes nicht umsonst das wichtigste Filmfestival der Welt, bei dem regelmäßig Filmgeschichte geschrieben würde.