Mit einer Drohne hat ein schwarzer Bub aus dem Pariser Banlieue Montfermeil bisher bloß die Mädels der Nachbarschaft beim Umziehen beobachtet, doch diesmal macht er eine ganz andere Video-Entdeckung, hoch droben über den Dächern der Plattenbauten, in denen sich Frankreichs soziale Brennpunkte befinden. Er beobachtet, wie ein Polizeitrio einer Spezialeinheit einen Buben festnimmt, die Handschellen anlegt und ihm schließlich mit einer Leuchtrakete ins Gesicht schießt.

Alles hier ist so drastisch, wie es scheint, und doch kommt es auf den Blickwinkel an, den man in "Les Misérables" des Erstlingsregisseurs Ladj Ly zu sehen bekommt; der hat ein Drama gedreht, das aus eigener Erfahrung schöpft, denn der Regisseur stammt aus dem "Problemviertel", kennt die Zustände, erinnert sich gut, als hier 2005 jedes zweite Auto brannte. Zugleich aber erzählt dieser außergewöhnlich reife und rasante Wettbewerbsbeitrag im Rennen um die Goldene Palme von Cannes bereits von Beginn an seine gesamte Geschichte aus der Sicht der Polizisten, nicht aus Sicht der "Opfer".

Schmutz und Überforderung

Ein neuer Cop kommt in den Dienst einer Anti-Kriminellen-Einheit, er heißt Stéphane (Damien Bonnard) und muss fortan mit dem aufbrausenden Chris (Alexis Manenti) und dem schließlich schießenden Gwada (Djebril Zonga) auf Streife im Viertel gehen, immer auf der Suche nach dem nächsten Unrecht, dem nächsten Diebstahl. Konkret geht es um einen Baby-Löwen, der dem gastierenden Zirkus entwendet wird, ein Zirkus von "Zigeunern", die klischeemäßig aufbrausend auf den Diebstahl reagieren und den örtlichen Bürgermeister (einen Schwarzen) auffordern, den Dieb zu finden. Der wird ausfindig gemacht in Form des später vom Schuss getroffenen schwarzen Buben - und dazwischen entspinnt der Regisseur mit stark angezogenen dramaturgischen Zügeln die Schwierigkeiten der Banlieues: Die sozialen Schwachstellen, die verschmutzten Straßen und Wohnhäuser, heruntergekommene Nachbarschaften, Streit, überforderte Eltern, ihre Kinder, die die Zeit totschlagen mit perspektivenlosen Spielen in den Hinterhöfen und auf den Betonparkplätzen. Es ist ein Frankreich in einem schrecklichen Zustand, aber es ist auch ein Frankreich, das man realer kaum zeigen könnte.

Da stoßen die Polizeieinheiten mit den lokalen Autoritäten regelmäßig aneinander, und das illustriert den Kampf zwischen den Bevölkerungsschichten: Es geht um Subkulturen, kulturelle und religiöse Parallelwelten - nicht umsonst zeichnet Ladj Ly den Islam in diesen Gegenden Frankreichs als eine Art Heilslehre für die orientierungslosen Straßenkids; der Islam, der ihnen Halt gibt, oder zumindest eine Orientierung, die sie weder von den Eltern noch von der französischen Gesellschaft bekommen.