Gelungene Premiere in Cannes für die Österreicherin Jessica Hausner und ihren Thriller "Little Joe" im Wettbewerb um die Goldene Palme: "Little Joe" wurde am Freitag mit lang anhaltendem Applaus sehr wohlwollend aufgenommen. Die Geschichte dreht sich um die Wissenschaftlerin Alice (Emily Beecham), die gemeinsam mit ihrem Kollegen Chris (Ben Whishaw) eine neuartige Pflanze entwickelt hat. Sie nennt sie "Little Joe", weil auch ihr halbwüchsiger Sohn (Kit Connor) Joe heißt. Little Joe verströmt einen Duft, der die Menschen um sie herum glücklich machen soll - und das ganz ohne Nebenwirkungen. Bald aber entdecken die Forscher seltsame Dinge an jenen Probanden, die zufällig mit den Pollen der Pflanze in Berührung kommen - sie verändern sich auf seltsame, kaum spürbare Weise und sind fortan für ihre Umwelt nicht mehr die, die sie einmal waren.

Doch was genau passiert? Schnell gibt es eine Pflanzenzüchterin, die behauptet, dass die zur Fortpflanzung unfähige Pflanze sich einen perfiden Weg ausgedacht hat, um trotzdem am Leben zu bleiben: Der süße Duft würde im Gehirn der Riechenden dafür sorgen, dass sich diese fortan nur mehr um den Fortbestand von Little Joe kümmerten und alles andere vernachlässigten. Doch lässt sich so eine absurde Theorie erhärten?

Jessica Hausner wählte das wissenschaftliche Thema, um von einem ganz grundsätzlichen Phänomen zu erzählen: Das zwischenmenschliche Lieben und Geliebtwerden gehört unbedingt zum Leben dazu, ist lebensnotwendig und nicht verhandelbar. Wie immer kleidet Hausner ihren Film - übrigens ihr englischsprachiges Debüt - in ein strenges, selbst auferlegtes stilistisches Konzept, wie man es auch aus ihren früheren Filmen kennt. Diesmal dominieren kräftige Farben und eine ausgeklügelte Farbregie die Räume, ebenso wie eine stringente, famos komponierte Bildersprache von Kameramann Martin Gschlacht. Mit diesen Stilmitteln gelingt es Hausner, den Plot nur um dieses kleine Stückchen weit aus der Realität zu entrücken, das notwendig ist, um die Geschichte einerseits glaubhaft zu machen, andererseits zum Verwirrspiel werden zu lassen; auch der Soundtrack, pfeifende Töne und Gekreische, pulsierende Beats, allesamt aus der Komposition des Japaners Teiji Ito, tun ihr Übriges, um aus "Little Joe" rasch einen spannenden, angespannten und auch gruseligen Psychothriller zu machen, bei dem nie klar ist, welchen von den handelnden Personen nun eigentlich Veränderungen durch die Pflanze widerfahren sind.

Hausners Regie spielt gekonnt und sehr konsequent mit dem Grübeln des Publikums, und ihr nüchterner, trockener Erzählstil heizt das Mysterium noch einmal ordentlich an. "Little Joe" funktioniert dabei wie eine Parabel über die Frage, was wir seltsam finden und warum. Das gentechnische Experiment ist dabei nur der Rahmen für einen viel weiter gesteckten Raum, den Hausner skizziert: Ein Mensch findet das Fremde nicht nur in seinem Gegenüber, sondern vor allem auch in sich selbst.