Cannes. Am Anfang war der Zombie. Jim Jarmusch beglückte die Croisette mit einem launigen, unterhaltsamen Auftakt Marke "Die Untoten haben Hunger" und sorgte damit zwar nicht für überschwängliches Kritikerlob (dafür ist "The Dead Don’t Die" zu unauffällig in Jarmuschs Filmografie), aber immerhin für Kurzweil am Eröffnungsabend. Der hatte wahrlich schon schlechtere Filme gesehen. Mit "Les Misérables" (die "Wiener Zeitung" berichtete) folgte auch gleich ein echtes Wettbewerbs-Highlight von einem Regisseur, den man bisher kaum kannte: Der Franzose Ladj Ly hat seinen Sozialthriller mit sämtlichen Erfahrungen seiner eigenen Herkunft aus den Banlieues von Paris angereichert und packendes, tiefblickendes Kino geschaffen. In den USA ist Ly bereits bei einer namhaften Agentur unter Vertrag, dort will man ihn offenbar zum nächsten Regie-Star aufbauen.

Leise Migrationsstudie

Eine sozialkritische Geschichte erzählt auch "Atlantics" der 1982 in Paris geborenen Mati Diop. Es geht um die Flucht mit dem Boot nach Europa, von Senegal aus, die Regisseurin hat selbst Wurzeln in dem Land. Sie interessiert, wann das Sterben auf dem Meer von Hunderten, Tausenden Menschen eigentlich beginnt. Ihre Antwort: Bereits zuhause in den Familien, die sich den Wohlstand in Europa ausmalen, die sich unter Druck setzen, die daheim auf der Großbaustelle den Lohn wiederholt nicht ausbezahlt bekommen und nur noch an eine Ausreise denken. Ursachenforschung, aber in einer leisen, unaufgeregten Façon. Bald brennt das Ehebett einer Frau aus ärmlichen Verhältnissen, die reich geheiratet hat. Eine vortrefflich gemachte, auch spirituell angehauchte dramatische Auseinandersetzung mit dem Thema, die man gerne als Preisträgerin sehen würde.

 Zu einer Reise durch ein "Waste Land" lädt der Salzburger Andreas Horvath, dessen Film "Lillian" Weltpremiere in Cannes feierte. Im Bild mit Hauptdarstellerin Patrycja Planik. - © APAweb/APA/ULRICH SEIDL FILM PRODUKTION
 Zu einer Reise durch ein "Waste Land" lädt der Salzburger Andreas Horvath, dessen Film "Lillian" Weltpremiere in Cannes feierte. Im Bild mit Hauptdarstellerin Patrycja Planik. - © APAweb/APA/ULRICH SEIDL FILM PRODUKTION

Aber auch Altmeister Ken Loach ist in Hochform, und bald dämmert einem: Es gibt gar nicht genug Preise bei diesem Festival, als dass alle Verdienten einen bekommen könnten. Selten war die Wettbewerbsauswahl stärker als in diesem Jahr.

Erst 2016 hatte Loach mit "I, Daniel Blake" in Cannes seine bereits zweite Goldene Palme gewonnen, schon ist der 82-Jährige wieder zurück: In "Sorry We Missed You" folgt Loach einem Paketzusteller und dessen ewigem Kampf um die Pünktlichkeit. Dabei gelingt famos, wie Kostendruck und Zeitknappheit in der Arbeitswelt des heutigen Europa für Auflösungserscheinungen bis in Familien hinein sorgen: Der Paketzusteller, seine Ehefrau und die Kinder leiden unter einem System, das den Begriff "Unzustellbar" als GAU annimmt; wer hier nicht funktioniert, kommt in die Nähe sozialen Totalverlusts.