Ein 13-jähriger Schüler namens Ahmed, gläubiger Moslem und belgischer Staatsbürger, radikalisiert sich vor den Augen der Gesellschaft, der eigenen Familie, der Schule, der Freunde, und zieht in einen seltsamen heiligen Krieg. Die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne nehmen sich in ihrem neuen Film "Jeune Ahmed" ("Der junge Ahmed"), der in Cannes im Wettbewerb um die Goldene Palme läuft, des brisanten Themas des religiösen Fanatismus an. Sie zeigen, wie sich ein Bub durch einen Imam zu einem fehlgeleiteten Hassenden entwickelt, der eine Lehrerin aus seinem Umfeld ermorden will, weil sie Arabisch als Alltagssprache unterrichtet, und für sie nicht der Koran das Maß aller Dinge beim Erlernen dieser Sprache ist. Ahmed (Idir Ben Addi) wird mehrere Mordversuche planen, sogar aus einer Jugendsicherheitsverwahrung heraus; nicht alle kann er in die Tat umsetzen, weil die Umstände gegen ihn sprechen. Aber durch den Wissensvorsprung, den die Dardennes dem Publikum geben, indem sie Ahmeds Vorbereitungen minutiös mitverfolgen können, gerät "Jeune Ahmed" trotz seiner einfachen dramaturgischen Mittel zu einem spannenden und wendungsreichen Drama.

"Als wir mit dem Drehbuch begannen, hätten wir nie gedacht, dass wir so eine unbegreifliche Figur erschaffen würden, die uns dermaßen entgleiten würde", sagt Jean-Pierre Dardenne. "Wir wussten schnell: Niemand in Ahmeds Umfeld, weder seine Lehrer, noch seine Mutter, seine Schwestern, die Jugendarbeiter, die Psychologen, die ihn betreuen, auch nicht die Richter oder auch die junge Bauerntochter, auf deren Hof er zum Arbeiten geschickt wird - niemand kann sich einen Reim darauf machen, warum sich dieser Bub derart radikalisiert". Nachsatz: "Nicht einmal der Imam der fundamentalistischen Moschee, diese magnetische Figur für Ahmed, versteht die Dynamik seiner Entschlossenheit zu Töten".

Die belgischen Autorenfilmer, die bereits zwei Mal die Goldene Palme von Cannes gewannen (für "Rosetta", 1999, und für "Ein Kind", 2005), sind wieder einmal auf der Suche nach Wahrhaftigkeit. Mit ihrer Handkamera folgen sie dem nicht unsympathischen Ahmed durch seinen Leidensweg in der Jugendhaft und schildern auch seine Uneinsichtigkeit, was den Glauben angeht. Zu Töten im Namen des Koran? Das ist eindeutig darin festgeschrieben, findet Ahmed. Davon lässt er sich zunächst auch nicht abbringen. Nicht einmal von einem Kuss der gleichaltrigen Louise, die er auf einem Bauernhof kennen lernt. Hernach empfindet er sich, der gerade erstmals in seinem Leben die Liebe gespürt hat, als unreinen Moslem.

"Wir fragten uns, welche Bilder wir zu finden imstande wären, um diese Radikalität Ahmeds abzubilden", so Luc Dardenne. "Dramaturgisch stellte sich die Frage, wie man Ahmed von seinem mörderischen Vorhaben abhalten könnte, ohne in einen naiven Optimismus abzugleiten".

"Jeune Ahmed" erzählt eine sehr dichte und kompakte Geschichte mit einfachsten Mitteln, wie so oft bei den Dardenne-Brüdern. Sie ist auf der Höhe der Zeit, einerseits, aber sie ist auch die Sicht zweier westlicher Filmemacher. Sie lässt dem Fanatismus viel Raum, gibt aber leider keinerlei Einblick in die Denke des jungen Fanatikers, mehr in seine Gefühlswelt. Die Zuspitzung dieses Fanatismus, so scheinen die Dardennes überzeugt, ist etwas, das zu Lesen wir erst erlernen müssen.