Was wäre Hitchcocks Duschszene in "Psycho" ohne die klirrende Musik und die Soundeffekte des zustechenden Messers? Was wäre "Star Wars" ohne die brummenden Laserschwerter und die Geräusche der imperialen Abfangjäger im Weltall (wo es bekannterweise gar keinen Sound geben kann)? Was wäre "Jurassic Park" ohne das Gebrüll der Saurier, das durch Mark und Bein geht? Richtig: Ohne den Sound wären all diese Filme ziemlich langweilig. Das führt die Doku "Making Waves: The Art of Cinematic Sound" eindrucksvoll vor. Darin geht die Sound-Effects-Spezialistin Midge Costin erstmals unter die Regisseure, um zu zeigen, wie wichtig die Tonebene im Kino eigentlich ist. "Sie macht 50 Prozent der Filmerfahrung aus", sagt Costin im Gespräch in Cannes. "Dabei muss man allerdings unterscheiden zwischen einem Soundtrack, also der Filmmusik, und all dem, was sich noch so auf der Tonspur tut. Geräusche sind mindestens so wichtig wie die Musik", sagt Costin. In Hollywood arbeiten bei jeder Filmproduktion Dutzende Leute im Sounddepartment, sei es nun als Sound Effects-Macher, als Tonleute, in der Tonmischung oder als Foley-Artists. Letztere kümmern sich um die Aufnahme von Schritten, das Knarren von Türen und so weiter - und stellen diese Effekte oft mit den unterschiedlichsten Mitteln her - so hält zerquetschte Luftpolsterfolie schon mal für einen Tritt auf Glasscherben her. "Manche Effekte kommen aber aus der Tierwelt", sagt Costin. Die Geräusche der Helikopter in Coppolas "Apokalypse Now" stammen zum Beispiel von wilden Tieren, gemischt mit Motorengeräuschen. "Die Fantasie kennt keine Grenzen", sagt Costin, die als Sound Editorin unter anderem an Blockbustern wie "Con Air", "The Rock" oder "Armageddon" mitwirkte.

Der Reiz einer fallenden Stecknadel 

"Ich bin ein Fan des europäischen Kinos und finde, dass hier auch der Ton eine wesentlichere Rolle spielt. Während die US-Filmindustrie ihre Tonspuren mit bombastischen Effekten und überlauter Musik zukleistert, sind es in Wahrheit die stillen Filme, die mit Ton dramaturgisch viel ausrichten können. Manchmal ist es auch die Abwesenheit von Ton, die reizvoll ist. Oder das Fallen einer Stecknadel", sagt Midge Costin. Ihr Film "Making Waves" fokussiert dennoch hauptsächlich auf dem US-Film, da hat Costin auch die meisten Kontakte: Und so kommen in ihrem Film auch Größen wie Steven Spielberg, David Lynch oder George Lucas ausführlich zu Wort. "Gerade im US-Kino der 70er Jahre hatte sich das meiste getan, was die Weiterentwicklung von Sound betrifft", so Costin. "Vor ‚Star Wars‘ & Co. waren die meisten Soundtracks bloß in Mono aufgezeichnet". Dann kamen Stereo, Raumklang, Dolby.

Heute ist nichts mehr wie es einmal war im Sound Department. "Die digitale Technik hat unsere Arbeit völlig auf den Kopf gestellt", sagt Midge Costin. "Früher mussten wir jeden Tonschnipsel von Hand zusammenkleben, heute kann man dank der Wellendarstellung am Computer den Ton sogar sehen". Dennoch: "Meinen Schülern sage ich immer, es kann nicht schaden, auch zu wissen, wie der Ton in früheren Zeiten montiert wurde".

"Making Waves" zeigt an vielen Beispielen, wie Sound sich auf berühmte Filmszenen ausgewirkt hat. "All der technische Fortschritt ist wirklich toll, aber was man verstehen muss, ist, dass Sound sich vor allem auf die emotionale Filmerfahrung auswirkt. Und darum geht es schließlich im Kino".