Es gibt immer Spitzen bei Filmfestivals, entweder in die eine oder in die andere Richtung. In Cannes hat man in diesem Jahr einen besonders starken Wettbewerb gesehen, ganz im Gegenteil zu 2018, als das Festival durch den selbstauferlegten Netflix-Bann Schwierigkeiten hatte, genügend erstklassige Filme zu finden. Dennoch: Von allen Filmen bei den 72. Filmfestspielen von Cannes, die bis Donnerstag Abend gelaufen sind, hat einer besonders überrascht und einer besonders enttäuscht: Zu den Überraschungen gehört Terrence Malicks "A Hidden Life", zu den Enttäuschungen Quentin Tarantinos "One Upon a Time in Hollywood" (die "Wiener Zeitung" berichtete). Tarantinos fast dreistündiger Annäherung an ein Hollywood der späten 60er Jahre, das er mit einer Pointe in Form einer Geschichtsumschreibung enden lässt, fehlt es an den wesentlichen Merkmalen, die man sonst von ihm gewohnt ist: Anstelle einer sich aufbauenden Erzählung findet die Figurenzeichnung in zwei quälend langen, auch langweiligen Stunden statt, da fehlt es an Witz, Raffinesse und Esprit.

Perfekter Jägerstätter

Terrence Malick hingegen hat in Cannes deshalb so überrascht, weil man seine Art zu erzählen, die er 2010 mit "Tree of Life" erstmals (und siegreich) etablierte, eigentlich schon satthatte: Philosophierende Off-Erzähler über einer zumeist verkitschten, stets bewegten Bilderflut, das nervte Kritik wie Zuseher. Aber in "A Hidden Life", der Geschichte des Falls Jägerstätter, funktioniert diese Erzählweise derart perfekt, dass man Malick am liebsten seine zweite Palme überreichen würde; ganz abgesehen davon würde man auch August Diehl (als Franz Jägerstätter) und vor allem Valerie Pachner (als dessen Frau Fani) die Darstellerpreise gönnen.

Diese Goldene Palme, der nach dem Oscar vielleicht wichtigste Filmpreis der Welt, wird am Samstag Abend im Palais des Festivals an der Croisette vergeben, unter dem Blitzlichtgewitter hunderter Fotografen. Cannes hatte es nicht leicht, die Schlagzeilen zu füllen, denn das Festival hatte seinen Termin etwas vorverlegt wegen der EU-Wahl, zugleich bekam es am letzten Wochenende große Konkurrenz durch den Song Contest. Aus österreichischer Sicht dominieren in diesen Tagen ohnehin ganz andere, innenpolitische Themen die Titelseiten, und doch: Die Strahlkraft des Festivals scheint nach wie vor ungebrochen.

Vier ist eine unglaubliche Zahl

Das liegt vor allem am Programm, das Festival-Chef Thierry Frémaux zusammengetragen hat. Diesmal war ihm der Filmgott gnädiger als zuletzt - im Prinzip steckten in dieser Auswahl zur Hälfte alteingesessene Filmemacher, die sich mit großartigen Werken zurückmeldeten, zugleich bestritten auch viele neue Gesichter ihr Debüt. Und: Eigentlich sollte man den Umstand, dass gleich vier Filme von Frauen im Wettbewerb liefen, gar nicht diskutieren müssen, aber für Cannes-Verhältnisse ist dies eine unglaubliche Zahl. Jahrelang war keine einzige Frau im Bewerb vertreten.