Die Welt verändert sich, und wir sollen diese Veränderungen möglichst decodieren, "um zu verstehen, was wirklich auf dem Spiel steht", sagt Olivier Assayas. Der Mann ist als der Philosoph unter den Filmemachern Frankreichs bekannt. In Interviews ist Assayas ein wortreicher, redegewandter Künstler, der zu allen Themen eine Theorie hat; auf der Leinwand kann er das auch: zum Beispiel in seinem jüngsten Film "Zwischen den Zeilen", den er als eine Art Traktat über die Zukunft unserer medialen Nutzung anlegt: Kaum wird im französischen Kino je so viel gesprochen wie in diesem Film, und das will schon etwas heißen, wo doch gerade dieses Kino als eines der wortreichsten gilt.

Olivier Assayas interessiert die Intelligenzia mehr als jeder gesellschaftliche Rand. Deshalb ist "Zwischen den Zeilen" (ab Freitag im Kino) eine 107-minütige Auseinandersetzung mit bourgeoisen Kunst- und Medienschaffenden aus Paris geworden, die aus Panik vor der Allmacht des Internets und der Algorithmen schon das Ende von Film, Buch, Musik & Co. kommen sehen. Assayas stellt einen unsicheren Autor in den Mittelpunkt, dessen Verleger sein neues Buch nicht drucken will; rundherum entspinnt sich ein bunter Reigen (auch sexueller Art), bei dem so manche Persönlichkeit auf der Strecke bleibt; das Gefühl, vom Zeitgeist eingeholt und überholt zu werden, schwingt hier mit; irgendwann als "out" zu gelten, die "Jungen" nicht mehr zu verstehen.

Olivier Assayas glaubt, dass Bücher Zukunft haben. - © Katharina Sartena
Olivier Assayas glaubt, dass Bücher Zukunft haben. - © Katharina Sartena

"Wiener Zeitung": Monsieur Assayas, vom Zeitgeist überholt zu werden, ist in Ihrem Film die Angst fast aller Protagonisten. Was setzt uns denn so unter Druck?

Olivier Assayas: Unsere Welt verändert sich fortwährend. So ist das ja schon immer gewesen. Die Herausforderung dabei besteht in unserer Fähigkeit, diesen beständigen Wandel mit all seinen Strömungen im Auge zu behalten und zu verstehen, was wirklich auf dem Spiel steht, wenn wir uns anpassen - oder das eben nicht tun. Das ist auch der Mechanismus, nach dem Politik und Meinungsbildung funktionieren. Die Digitalisierung unserer Welt und deren Rekonfiguration in Algorithmen ist der moderne Motor einer Veränderung, die uns verwirrt und komplett überwältigt. In der Digital Economy werden Regeln verletzt und oft auch Gesetze gebrochen. Mein Film versucht nicht zu analysieren, wie dieses neue digitale Wirtschaftssystem funktioniert. Vielmehr beobachtet der Film, wie die hier aufgeworfenen Fragen uns bewegen - und zwar persönlich, emotional und humorvoll.