Genau genommen ist Jim Jarmuschs neuer Film gar keine Zombiekomödie, obwohl hier zwei Stunden lang Untote das Leben in einer Kleinstadt und insbesondere jenes der diensthabenden Polizisten auf den Kopf stellen. Doch "The Dead Don’t Die" (ab Freitag im Kino) hat eine viel tiefer gehende Moral, wenn es nach Jarmusch geht. Die Zombieplage wird nämlich durch den menschlichen Einfluss auf die Umwelt ausgelöst: Durch die Technik des "Polar Fracking", einer Gewinnungsmethode von Erdgas, ist in Jarmuschs Fiktion die Erdachse bewegt worden - und das wiederum lockt die Leichen aus den Gräbern.

Fortan sind Cliff Robertson (Bill Murray) und Ronnie Peterson (Adam Driver) damit beschäftigt, bei Streifenfahrten durch das Stadtgebiet des eher beschaulichen Centerville alle Zombies zu köpfen, die ihnen unterkommen. Wer jedoch gebissen wird, wird selbst zum Untoten. "This isn’t going to end well", schreibt Jarmusch seiner Figur Peterson ein Dutzend Mal ins Drehbuch, und er soll recht behalten: Das alles wird nicht gut ausgehen.

"Ist das dein Ernst?"

Jim Jarmusch: "Horror ist nicht meine Stärke." - © Katharina Sartena
Jim Jarmusch: "Horror ist nicht meine Stärke." - © Katharina Sartena

Als "The Dead Don’t Die" von Festival-Direktor Thierry Frémaux vergangenen Mai zum Eröffnungsfilm der Filmfestspiele in Cannes auserkoren wurde - noch dazu im Wettbewerb -, da staunte auch Jim Jarmusch nicht schlecht. "Ist das wirklich dein Ernst?", soll Jarmusch Frémaux gefragt haben. Ja, es war sein Ernst. Vielleicht gefiel ihm der Umweltaspekt daran, wahrscheinlicher ist aber, dass Frémaux genau wie alle anderen Kinogänger gerne auch einmal zu spaßigen Filmen tendieren, die sich einen Jux erlauben, und dabei bierernst bleiben.

Genau so ein Film ist "The Dead Don’t Die" (ein Titel, der als Referenz auf George Romero, den "Erfinder" des Zombie-Genres, gemeint ist): Ein bierernster Jux von einem Film, der innerhalb von Jarmuschs doch beeindruckender Filmografie wohl eine Fußnote bleiben wird, eine launige Episode, ohne bleibenden Wert. Was zählt, ist hier der Spaß am Thema und seiner Umsetzung.

Die Handlung ist, ganz im Stile Jarmuschs, versehen mit lakonischen, selbstironischen Helden von stoischer Natur, gespickt mit ein bisschen Wortwitz und Situationskomik, aber bloß nicht zu viel davon! Die Zombiekomödie bietet gar nicht so viel zu lachen, ist mehr Groteske, mehr eine Szenensammlung von Absurditäten.

Das Ensemble spielt durchwegs gut auf: Bill Murray als Polizist, der Zombies jagt, aber mit der Geschwindigkeit und Ruhe eines Regenwurms, sein Partner Adam Driver, gar nicht viel schneller als der Chef, vielleicht nur etwas mehr gewissenhaft; Tilda Swinton als Totengräberin, die als Einzige den Untoten Paroli zu bieten weiß; Chloe Sevigny als Schwachstelle in einem Polizeitrio, Steve Buscemi als (gar nicht so) schmieriger Typ, der sich aus allem herausredet.

Jarmusch interessiert sich sehr für das Behäbige seiner Inszenierung, mit dem er sich deutlich von anderen Zombiefilmen abhebt. Das Medium Film hat sich verändert, Jarmusch aber nicht, weshalb er stilistisch in die entgegengesetzte Richtung inszeniert. Das tut seiner Story-Miniatur gut, denn sonst wäre sie nach wenigen Minuten auserzählt.

Eine Fabel über unsere Gier

Am Ende ist der Film eine Fabel über unser aller Gier, wenn es darum geht, niemals richtig satt zu werden (vom Konsum) und niemals genug bekommen zu können, die eigene Gefräßigkeit in den Mittelpunkt gerückt. Und dann natürlich das Umweltthema. "Den Niedergang der Natur mitansehen zu müssen, wie er sich durch menschliches Zutun immer mehr beschleunigt, das macht mir Angst", sagt Jarmusch. "Es ist unser Fehler, dass wir diesen Niedergang nicht bekämpfen.ö"

Jarmusch selbst gibt unumwunden zu, dass das Zombiegenre nicht zu seinem Spezialgebiet zählt; dann eher noch Vampirgeschichten, wie er sie etwa in "Only Lovers Left Alive" erzählt hat. "Horrorfilme sind nicht meine Stärke", sagt Jarmusch. "Aber George Romero ist sehr wichtig für mich und auch für diesen Film, denn er hat das Zombiegenre neu definiert. Während die klassischen Filmmonster wie Frankenstein oder Godzilla Bedrohungen sind, die von außerhalb der Gesellschaft kommen, kommen die Zombies von innerhalb derselben", so Jarmusch. "Zombies illustrieren unsere kollabierende Gesellschaft deshalb so gut, weil sie selbst auch Opfer sind, bevor sie zu Tätern wurden."