Mit dem Drama "Sunset" stellt der ungarische Regisseur Laszlo Nemes seinen zweiten Spielfilm vor - die Machart ähnelt dabei seinem Geniestreich und Erstlingswerk "Son of Saul", einem KZ-Drama, das an Unmittelbarkeit kaum zu überbieten ist und ihm den Oscar für den besten fremdsprachigen Film eingebracht hat. In "Sunset" erzählt er erneut in historischem Setting, diesmal in Budapest: Die junge Írisz Leiter (Juli Jakab), deren Familie ein Hutmacher-Imperium in der k.u.k. Monarchie besaß, will nun in die Firma einsteigen, erfährt dabei von einem bisher unbekannten Bruder und entdeckt ein folgenschweres Familiengeheimnis. Nemes legt den Film als großes Rätsel an, als Szenensammlung und Irrweg. Im Interview erzählt der Regisseur, wieso.

"Wiener Zeitung":"Sunset" ist ein Verwirrspiel kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Was ist der Hintergrund für diese Erzählung?

Laszlo Nemes: Ein Mysterium. Ein Labyrinth, das sich jedem Zuschauer auf andere Weise offenbaren kann, wenn man es zulässt. Es geht um eine Frau, die ziemlich allein ist mit ihrer Suche nach dem Bruder. Dabei habe ich darauf geachtet, dass es im Plot Leerstellen gibt, die sich das Publikum zusammenreimen muss. Ich halte nicht viel von Filmen, die sämtliche Lösungen vorgeben. Mancher mag das als anstrengend empfinden, aber das ist meine Art des Filmemachens: Es geht darum, gefordert zu werden.

Ähnlich sind Sie auch in Ihrem Debütfilm "Son of Saul" vorgegangen: Darin folgen Sie einem KZ-Insassen, zeigen dessen Alltag. Die Ästhetik mit dem Spiel um Tiefenschärfe gibt es auch in "Sunset". Wieso?

Bei "Son of Saul" war es ein bewusstes Konzept, mit diesen Unschärfen zu spielen. Schließlich sollte der Zuschauer die Bilder in der Unschärfe, also die Bilder des Grauens, mit eigener Vorstellungskraft füllen. Wegen der großen Verlorenheit der Hauptfigur führe ich diesen Stil auch in "Sunset" fort. Man entdeckt die Welt, in der sie sich befindet, mit den Augen dieser Frau. Insofern gibt es eine Parallele, weil beide Figuren ihre Umwelt entdecken.

Worauf bezieht sich der Titel des Films, "Sunset"?

Auf den gleichnamigen Film von Friedrich Wilhelm Murnau, den ich sehr schätze. Es geht um die fast schon verzweifelte Haltung einer Gesellschaft, um die Parallelen zwischen den Filmen. Eigentlich ist es eine Hommage an Murnau.