Ihr größtes Manko, das sagt Judi Dench schon seit Jahren, sei, dass sie immer weniger sehe. Ihre stechend blauen Augen machen den kühlen Charme dieser britischen Schauspielerin aus, aber als Werkzeug dienen sie ihr nicht mehr. Doch das ist für die inzwischen 84 Jahre alte Dame noch lange kein Grund, ihre Leidenschaft - die Schauspielerei - aufzugeben. Zu voll ist ihr Terminkalender, auch nach der James-Bond-Ära, wo sie in acht Filmen Bonds Chefin M dargestellt hat. Dem Agentengenre bleibt Dench treu, allerdings hat sie die Seite gewechselt: Jetzt kommt mit "Geheimnis eines Lebens" ihr neuester Film in die Kinos, der die wahre Geschichte von Melita Norwood (im Film Joan Stanley genannt) erzählt. Sie wurde als dienstälteste britische Spionin des KGB enttarnt.

"Wiener Zeitung": Eine Spionin zu spielen, klingt aufregend. Hat Ihnen das noch gefehlt in Ihrer Filmografie?

Judi Dench: Mich hat die Geschichte dieser Frau fasziniert, weil sie eigentlich eine ganz gewöhnliche Frau war, bis bekannt wurde, dass diese ältere Dame einst zu den Cambridge-Spionen gehörte. Es ist spannend, wie gut sie darin gewesen ist, die ganze Sache für sich zu behalten. Sie glaubte fest an das, was sie tat, wusste um ihre Gründe und hat alles nur mit sich ausgemacht. Eine gewöhnliche Frau, die Außergewöhnliches getan hat.

Etwa britische Atom-Geheimnisse an die Russen weiterzugeben...

Viele Leute haben die reale Frau, auf der meine Figur basiert, als Verräterin und Spionin bezeichnet. In meinen Augen ist sie das nicht. Sie hielt es nur für falsch, dass ein Land aufrüstet und andere daran gehindert werden sollen. Wenn niemand gegenüber den anderen im Vorteil ist, wird auch niemand angreifen, das war ihr Verständnis. Das mag ein wenig naiv gewesen sein, aber eigentlich auch recht klug, und dafür bewundere ich sie. Im Film sagt Joan, dass es die Erfahrung von Hiroshima war, die sie zu der Überzeugung brachte, so zu handeln, wie sie es schließlich tat. Ich selbst erinnere mich gut an diese Zeit, an diesen entsetzlichen Schock. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass man da auf den Gedanken kommen konnte, etwas zu tun, um ein Gleichgewicht herzustellen, wie sie es sagte.

Im Film wird ihre Figur schließlich vom eigenen Sohn, einem Rechtsanwalt, verteidigt, der all die Jahrzehnte nichts vom Tun seiner Mutter geahnt hat.

Sich mit seiner Situation zu identifizieren, fällt natürlich besonders leicht. So etwas kaum Vorstellbares über die eigene Familie herauszufinden, nach Jahrzehnten, das haut einen zwangsläufig um.

Mit Regisseur Trevor Nunn haben Sie viel Theater gemacht. Wie wichtig ist der Regisseur bei einer Produktion für Sie?

Trevor ist ein alter Freund von mir. Wir beide haben eine lange gemeinsame Geschichte, die zurückreicht bis nach Stratford, zu ‚Macbeth‘, ‚Die Komödie der Irrungen" und ‚Ein Wintermärchen‘. Wir haben immer wieder miteinander gearbeitet, allerdings nie bei einem Film. Nun hatten wir endlich einmal die Gelegenheit dazu. Der Regisseur ist mir immer enorm wichtig, denn er führt die Schauspieler. Kein Schauspieler glänzt von alleine, ganz egal, wie sehr er sich anstrengt. Da braucht es eine gute Führung.

Sie haben schon in einem früheren Interview gesagt, für die Pension fühlen Sie sich zu jung. Gilt das auch heute noch, mit 84?

Ja, denn das Wort Pension kommt in meinem Wortschatz nicht vor. Die Schauspielerei ist mein liebstes Hobby, warum sollte ich es also aufgeben? Viele Leute gehen in Pension, damit sie endlich das tun können, was sie schon immer tun wollten. Aber das tue ich ja schon mein ganzes Leben lang. Ich denke also gar nicht daran, aufzuhören.

Denken Sie über das Älterwerden nach?

Natürlich denke ich darüber nach. Ich habe schon Befürchtungen, zum Beispiel, dass ich mir irgendwann meinen Text nicht mehr merken kann. Ich hatte vor ein paar Jahren eine Knie-Operation, bei der mein gesamtes Kniegelenk erneuert werden musste, weil ich solch starken Schmerzen hatte. Da habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, den Körper fit zu halten. Mein größtes Manko ist allerdings meine schwindende Sehkraft. Inzwischen sehe ich so schlecht, dass ich mein geliebtes Hobby, das Lesen, endgültig aufgeben musste. Wenn ich Text lernen muss für eine neue Rolle, muss man mir meine Sätze immer auf sehr überdimensionierte Papierbögen in ganz großen Lettern ausdrucken, damit ich sie überhaupt noch lesen kann.

Wir alle haben noch Ihren Abschied als Boss von James Bond in Erinnerung. Fehlt er Ihnen?

Nicht wirklich. Ich hatte eine tolle Zeit in der Rolle, die ich immerhin 17 Jahre lang gespielt habe. Und mein Enkel ist wahnsinnig stolz auf mich. Bond geht halt besonders gut bei der männlichen Zielgruppe. Ich bekam damals auch viele Liebesbriefe von jungen Männern (lacht). Aber eigentlich hatte ich die Rolle wegen meines Mannes angenommen - der wollte immer mit einem Bond-Girl zusammensein. Diesem Wunsch habe ich ihm erfüllt, könnte man sagen.