Aufgewärmtes schmeckt nicht gut. Außer Gulasch. Das wird angeblich sogar besser mit jedem Erhitzen. Es kommt eben immer ganz darauf an, was es ist, das man da in die Mikrowelle steckt - und wie lange es schon im Kühlschrank ausharren musste.

Legt man das auf die Jahrzehnte um, sind die 90er Jahre wahrscheinlich das, was kulinarisch die Gulaschsuppe von vorgestern ist: Ein Dauerbrenner zu jedem Anlass, der noch frisch genug ist, um ihn noch ein paar Mal aufzuwärmen. Und auch wenn sie einem am Anfang noch so gar nicht geschmeckt haben, mittlerweile hat sie wohl der größte Skeptiker das eine oder andere Mal genüsslich wiedergekäut.

Denn schnaubten manche 90er-Teenager noch verächtlich über Spice Girls und Co., sagen sogar sie im Erwachsenenalter begeistert auf der obligatorisch gewordenen 90er-Party, dass sie die 90er zurückwollen, dass sie sie wirklich, wirklich zurückwollen. Und das hat seinen Grund: "In der Medienunterhaltung muss es die noch erinnerbare Zeit sein, mit der die Großzahl der Nutzerinnen und Nutzer an die eigene Jugend erinnert wird, um offen für nostalgische Themen und Formate zu sein", sagt Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaften an der SRH Hochschule der populären Künste in Berlin, Marcus S. Kleiner. Einerseits geht es bei dem anhaltenden Trend der 90er-Nostalgie also darum, eine möglichst medienaffine und kaufkräftige Altersgruppe zu mobilisieren, andererseits aber auch um das Bedienen von Elementen einer Zeit, die noch nicht zu lange vergangen scheint.

Sieht man sich die 90er-Nostalgiker genauer an, sind es aber vor allem auch jene, die in den 90ern selbst erst geboren und aufgewachsen sind und daher erst deutlich später zu "I Want It That Way" von den Backstreet Boys ihren Wochenendrausch zelebrierten als im Erscheinungsjahr der Single 1999. Für sie ist sie wohl etwas vager, die Erinnerung an ein Jahrzehnt zwischen Grunge und Neontechno. Oder vielleicht schon längst verklärt-verzerrter Kindheitsmythos, stark genug, um ein Gefühl der Nostalgie zu bedienen, wie es Großmutterns Malakofftorte nicht besser könnte.

Rückkehr und Schmerz

Ist das nicht allzu verständlich? Was hätte man vor ein paar Jahren darum gegeben, nur einmal noch ein hilfloses Tamagotchi auf seinem piepsenden Sterbeweg zu begleiten, ein letztes Mal auf dem allerersten Handy Snake zu spielen?

Ausharren musste die Sehnsucht nicht lange: Sowohl Tamagotchi als auch Nokia 3310 feierten vor einiger Zeit ihr Comeback. Reminiszenzen an eine angeblich einfachere Zeit, die allerdings mit der digitalisierten Gegenwart kaum schritthalten können.