Milliardengeschäft

Die auf einer jahrtausendealten Tradition der illustrierten Geschichtenerzählung aufbauende Welt der Anime und Manga ist nicht nur kulturell einzigartig, sondern auch ökonomisch. Nachdem Animationen über Jahrzehnte auf dem japanischen Markt beliebt waren, schwappten in den 1990er Jahren Geschichten wie "Die tollen Fußballstars" und "Sailor Moon" erstmals im großen Stil auf den Weltmarkt. Es folgten "Pokémon" und "Dragonball", heute gehören "Naruto" und "One Piece" zu den beliebtesten Werken. Neben dem starken Inlandsmarkt hat vor allem diese Globalisierung dazu geführt, dass die Branche allein binnen der letzten 20 Jahre ihre Erlöse auf 2,15 Billionen Yen im Jahr 2017 (rund 17 Milliarden Euro) verdoppelt hat.

Doch entsprechend umkämpft ist der Markt für gute Ideen. Täglich wird ins Blaue und für den Papierkorb produziert, weil führende Redakteure und Verleger aus einem großen Pool von Storys und Protagonistenblaupausen das Beste auswählen wollen. Pro Zeichnung wird den Schöpfern meist um die 200 Yen (ca. 1,66 Euro) bezahlt. Dafür geht allerdings oft mehr als eine Stunde ins Land, zumal die Branche stolz darauf ist, auch kleinste Details in den Zeichnungen zu berücksichtigen. Für viele Autoren führt dies neben Einkommensarmut auch zu Überarbeitung.

Als vor gut zwei Jahren der Zeichner von "Naruto", Kazunori Mizuno, 52-jährig am Arbeitsplatz starb, wurde nach längerem Schweigen die Todesursache in dessen Arbeitspensum vermutet. Drei Jahre zuvor hatte sich ein Zeichner das Leben genommen, nachdem dieser 600 Stunden im Monat hatte arbeiten müssen. Dies sind zwar Extremfälle, geben aber darüber Auskunft, wie rau das Arbeitsklima generell ist. Laut dem Berufsverband der Anime-Arbeiter kommt der Durchschnitt aller Zeichner unter 40 Jahren bloß auf Jahreseinnahmen unterhalb der Armutsgrenze von 2,2 Millionen Yen (rund 20.300 Euro). Erst später in der Karriere erreicht man in der altershierarchischen Branche meist ein Auskommen, das den Lebensunterhalt finanziert. Bis dahin schaffen es viele Autoren allerdings gar nicht.

Hoffnung Preisausschreiben

Nun ragt ausgerechnet Kyoto Animation aus seiner Branche heraus, indem der Betrieb dafür bekannt ist, seine Belegschaft vorbildlich zu behandeln, inklusive Festanstellungen sowie Urlaubszeiten und anderen Arbeitnehmerrechten. Zugleich veranstalten viele Verlage und Studios, und dazu gehört wiederum auch Kyoto Animation, regelmäßig Preisausschreiben, bei denen freie Autoren in Hoffnung auf einen Vertrag ihre Geschichtenideen einreichen. Hier ist über die Branche zu hören, dass im Wettbewerb nicht gekürte Beiträge später auf abgewandelte Weise gelegentlich doch erscheinen, nur eben nicht unter dem Namen des Autors, der ursprünglich einreichte.

Diese Praxis passt zum Vorwurf des Attentäters von Kyoto, auch wenn Details, welche Geschichte ihm gestohlen worden sein soll, bisher nicht bekannt sind. In jedem Fall hat er "A Silent Voice", den geliebten Film des von ihm verhassten Studios, wohl entweder nicht gesehen oder nicht verstanden. Da taucht schließlich die Frage auf: "Was braucht es, um erlöst zu werden?" Man müsse gerade demjenigen die Hand reichen, von dem man sich schlecht behandelt fühlt.