Celeste ist das, was sich viele vom Leben erträumen: Ein Popstar von ungeahnten Ausmaßen, der Hit um Hit abliefert und auf der ganzen Welt von seinen Fans abgöttisch verehrt wird. Diese Celeste ist aber nur vor den Kameras der souveräne Star, den alle in ihr sehen. Dahinter läuft ein ganz anderes Leben ab, eines, das sie sich nicht erwartet hat, als sie ihre Karriere im Schulalter begann. Damals hatte sie ein Massaker an einer High-School überlebt, und darauf aufbauend ihre Gesangskarriere gestartet. Ihre Karriere wird nach 9/11 und noch viel später immer wieder auf das Urereignis und auf neue Terroristenakte zurückgeworfen.

"Vox Lux" beginnt mit einem Schock. Die junge Celeste blickt in den Lauf einer Maschinenpistole, kann das Ereignis aber nie wirklich verarbeiten, zu schnell wird sie in die Musikszene geworfen, vor die Vorhänge gezerrt, auf den Bühnen mit viel zu grellem Licht angestrahlt. Doch Celeste lernt, damit umzugehen, dass sie eigentlich nicht ihr Leben lebt, sondern eine Projektionsfläche ist.

Ein Popstar als Heldin eines Dramas über Terrorismus und Terrorangst, das ist kein gewöhnlicher Film, den der erst 30-jährige Schauspieler Brady Corbet als zweite Regiearbeit (nach dem famosen "Childhood of a Leader") vorlegt. Seine Celeste, wahnsinnig intensiv dargestellt von Natalie Portman, geht an der Wahrnehmung ihrer Umwelt regelrecht zugrunde: Sie verdrängt die eigene Vergangenheit, macht Fehler, trinkt, kokst, verstellt die Sicht auf sich selbst und ihre Tochter - und gerät auch öffentlich in die Schlagzeilen für ihre Fehltritte.

Die Dekonstruktion dieses Popstars ist Corbet seinem Publikum schuldig. Denn es kann sich mit Celeste identifizieren, obwohl die Barriere ihrer Berühmtheit dazwischensteht: "Vox Lux" vermittelt das Gefühl, wie wir im jungen 21. Jahrhundert denken und handeln: Das Klima der Angst, das seit den Anschlägen vom 11. September 2001 unser aller Leben verändert hat, fängt dieser Film ganz meisterlich ein. Er zeigt, wie unsere Wahrnehmung der Gegenwart sehr konkret an Ängsten und Phobien festgemacht werden kann: Wer was ist und wer was zu sein scheint, ist in der kommerzialisierten Welt kaum mehr richtig einorden- oder zuordenbar, auch für die nicht, die selbst glauben, etwas zu sein. Etwas Wertvolles, zum Beispiel. Oder zumindest etwas Bekanntes.

Permanente Terrorangst

Corbet unternimmt eine Tour de Force durch 20 Jahre Terrorgeschichte, vom Schulmassaker in Columbine über 9/11 bis zum Anschlag auf das Konzert von Sängerin Ariana Grande vor zwei Jahren. "Vox Lux" ist eine schrill-laute Visualisierung der Angst, die uns gelehrt hat, eigene Freiheiten aufzugeben. Die permanente Hysterie, mit der wir uns in Bezug auf Terrorgefahren umgeben, will und will nicht abflauen, das illustriert dieser Film vortrefflich.

Dabei setzt Corbet ein, was er bei seinen Auftritten in den Filmen von Michael Haneke, Lars von Trier oder Olivier Assayas gelernt hat: Seine Reflexion über unsere Ängste, heillos übertrieben, zugespitzt, aber treffsicher und atemberaubend, hat viel vom exzessiven Kino seiner Vorbilder, nur mit dem Unterschied, dass Corbet deutlich dicker aufträgt, sogar dicker als Lars von Trier. Dröhnende Pop-Musik (von Sängerin Sia beigesteuert) bis zum absoluten Exzess, Bilder voller Ekstase, die zeigen, wie man in all der Angst seiner Unschuld verlustig geht.