Schlicht, schwarzweiß und wunderschön: Naomi Campbell, Linda Evangelista, Tatjana Patitz, Christy Turlington und Cindy Crawford wurden durch Lindberghs ikonografische Fotografie zu "Supermodels". - © Peter Lindbergh
Schlicht, schwarzweiß und wunderschön: Naomi Campbell, Linda Evangelista, Tatjana Patitz, Christy Turlington und Cindy Crawford wurden durch Lindberghs ikonografische Fotografie zu "Supermodels". - © Peter Lindbergh

Große Sets sind seine Sache nicht. Als Peter Lindbergh für ein Fotoshooting für die amerikanische "Vogue" verpflichtet wurde und die Beleuchter, Techniker und Requisiteure stundenlang eine ganze Straßenkreuzung in New York blockierten, nur um hier nach Sonnenuntergang die vermeintliche Ankunft eines UFOs zu inszenieren, auf das die Supermodels vor der Kamera erschrocken reagieren sollten, meinte Lindbergh nur: "Das hat alles keine Atmosphäre. Je größer das Fotoset ist, desto weniger Atmosphäre spürt man. Jetzt muss ich mir diese Atmosphäre erst mühsam zusammensuchen."

Simpel statt kompliziert

Lindbergh hat die Atmosphäre schließlich gefunden, was ja der Grund ist, warum man den heute 74-jährigen Deutschen jahrzehntelang als führenden Modefotograf gebucht hat. Seine Spezialität war und ist immer die Simplizität gewesen, komplizierte Dinge mochte er nicht. Als er 1989 fünf junge Frauen in einem nur knapp zweistündigen Shooting auf New Yorks Straßen für die britische "Vogue" abgelichtet hatte, war vielen schnell klar, dass es sich dabei um ikonografische Aufnahmen handelte, die eine neue Ära einleiten würden: Naomi Campbell, Linda Evangelista, Tatjana Patitz, Christy Turlington und Cindy Crawford standen da, in seltener Natürlichkeit, umschmeichelt von einem schwarzweißen Bokeh, eingefangen von Lindberghs Nikon, mit wenig Show, wenig Make-up, wenig Hintergrund, dafür mit einer Klarheit, wie sie selten ist im Modebusiness; die Bilder, so suggeriert die Kino-Doku "Peter Lindbergh - Women’s Stories", entstanden mehr oder weniger beiläufig, eher improvisiert, mit Lindbergh, der vor den Models eilig auf- und ablief, wie ein kleiner Schulbub, der sich den sprichwörtlichen "Hax’n ausfreut", weil er von so viel Schönheit umgeben ist. Die großen Scheinwerfer, die Techniker und Beleuchter hat er an diesem Tag zuhause gelassen. Und das Zeitalter der Supermodels war geboren.

Lindbergh und die Frauen: Wenn er vor der Kamera mit ihnen flirtete, dann passiert das ausschließlich, um das perfekte Bild zu bekommen. Eine lange Sequenz in der Doku zeigt, wie die wasserscheue Nichtschwimmerin Naomi Campbell, längst am Zenit ihrer Karriere und für ihre Zickigkeit berühmt, sich von Lindbergh doch noch breitschlagen lässt, in den Pool zu steigen und sich von ihm an allen möglichen Körperstellen zwicken und pieksen zu lassen, auf dass ihr endlich das richtige Lächeln entkommt; eine Fotopraxis, in MeToo-Zeiten undenkbar.

Und so war auch Lindberghs zweite Ehefrau Petra Sedlaczek, die er 2002 ehelichte, zunächst recht angespannt, als sie ihn bei seinen Fotojobs begleitete; es mag nicht leicht für sie gewesen sein, mitanzusehen, wie ihr Mann stets die schönsten Frauen fotografierte und dabei auch mal den Kasperl machte. Aber sie hat schnell kapiert, dass es Lindbergh um das Bild ging, um nichts sonst. Selbst stand sie auch immer wieder vorseiner Kamera. "Es gibt nichts Schöneres, als das zu fotografieren, was man wirklich liebt", sagt Lindbergh im Film. Wie romantisch. Die Frauen jedenfalls lieben seine Fotos, auch die, die in den Chefetagen sitzen: Die US-"Vogue"-Chefin Anna Wintour gehörte genauso zu Lindberghs Förderern wie ihr italienisches, inzwischen verstorbenes Pendant Franca Sozzani. Beide erkannten, dass Lindberghs Fotografien eine neue Ära in der Modefotografie einläuteten. Lindbergh begegnete "seinen" Frauen immer auf Augenhöhe, blickte nie auf sie herab; er kitzelte aus ihnen ihre ganze Eleganz heraus, anstatt billige Erotik zu zeigen. Viele seiner Bilder tragen etwas Spontanes und darob Natürliches in sich und zeigen, dass für ein gutes Foto eine Kamera und das Umgebungslicht ausreichen, das wird auch in der Kino-Doku sichtbar.

Künstler in Bilderfluten

Wiewohl man zu Anfang recht schwer in den Film hineinfindet, weil sich sein Regisseur Jean-Michel Vecchiet als größter Lindbergh-Fan erweist, schürft er mit zunehmender Film-Dauer die Oberfläche des Modefotografen ab und zeigt den darunterliegenden Künstler; er tut dies nicht chronologisch, sondern springt durch Lindberghs Leben wie eine Achterbahn und verzettelt sich dabei manchmal in wirren Bilderfluten, die er als langjähriger Begleiter Lindberghs allesamt selbst gedreht hat; aber die Essenz ist da, steht zentral in der Mitte und zeigt einen Mann, der das Fotografieren mindestens ebenso sehr liebt wie die Frauen, die er fotografiert: Peter Lindbergh hat der Mode und der Welt eine verloren geglaubte Ästhetik zurückgegeben: Die Ästhetik der Natürlichkeit; sie verleiht der schillernden Model-Scheinwelt ein Stückchen Wahrhaftigkeit.