Locarno. Es ist nicht leicht, es allen recht zu machen, das wissen besonders Kulturmanager und künstlerische Leiter von hochkarätigen Kulturevents. Auch ein Filmfestival wie jenes in Locarno kennt das Problem: Es gibt hier zwar eine Tradition, dem spröden, auch anstrengenden Arthaus-Kino zu huldigen, zugleich aber muss man auch auf die Quote achten: Nichts wäre schlimmer, als wenn die Piazza Grande mit ihren 8000 Sitzplätzen halb leer bliebe, weil die Filmauswahl missfällt.

Diesen Spagat hat Lili Hinstin, die neue künstlerische Leiterin der Filmschau im schweizerischen Tessin, bei ihrem Debüt ziemlich gut gemeistert: Im Wettbewerb um den Goldenen Leoparden, der heute, Samstag, mit der Preisverleihung endet, waren in den letzten zehn Tagen durchwegs schroffe, ungewöhnliche und auch fordernde Arbeiten zu sehen, darunter etwa "Vitalina Varela" des Portugiesen Pedro Costa. Ein Ehepaar, das sich jahrzehntelang nicht gesehen hat, verpasst einander beim ersten Treffen um wenige Tage; Varelas Ehemann ist schon tot, als sie eintrifft, und fortan schließt sie sich in der feuchten Bleibe des Gatten ein. Der Film kredenzt dazu beeindruckende Bilder einer Abgeschiedenheit, ist eigentlich keine Erzählung, sondern beschreibt einen Zustand der Vereinsamung.

Auch nicht zuversichtlicher ist "O Fim do Mundo" des schweizerisch-portugiesischen Regisseurs Basil da Cunha, der durch die Amrenviertel Lissabons streift und den Ärmsten eine Stimme gibt. "The Last Black Man in San Francisco", Regiedebüt des Schauspielers Joe Talbot, wiederum mäandert durch die poetische Fantasie einer Stadt, in der ein junger Mann falsche Hoffnungen hegt, das viktorianische Haus seines Großvaters zurückzubekommen.

Ulrich Köhler und Henner Winckler, zwei Verteter der sogenannten "Berliner Schule", zeigten ihre Arbeit "Das freiwillige Jahr", eine durch starken Minimalismus gekennzeichnete Vater-Tochter-Geschichte, in der beide zueinander auf Distanz gehen, was sich stets in kleinen und kleinsten Gesten äußert. All das ist Kino in arrivierten Pfaden, das wenig zeigt und wenig will. Diese Zurückhaltung ist einerseits Qualität, andererseits auch Gefahr: Ein Kino ohne Erzähl-Willen ist gemeinhin Kassengift.

Auf der Piazza hingegen regierten Publikumslieblinge - neben Patrick Vollraths Flugzeug-Entführungsthriller "7500" waren unter anderem Quentin Tarantinos "Once Upon a Time in Hollywood" (übervolle Piazza und großer Jubel) oder die Doku "Diego Maradona" von Asif Kapadia über den legendären argentinischen Fußballspieler zu sehen (Szenenapplaus für die Tore von Maradona inklusive).

Dem Schweizer Autorenfilmer Fredi M. Murer hat man einen Ehrenleoparden überreicht, zum Dekor aus der Glitzerwelt Hollywoods angereist war Schauspielerin Hilary Swank (die "Wiener Zeitung" berichtete). Und zwischen all den Stühlen bewegte sich Lili Hinstin wie ein Wirbelwind hin und her, stets Herrin der Lage und immer mit einem Lächeln auf den Lippen. Will sie bestehen, muss sie sich das unbedingt bewahren.