"Kunst ist eine Möglichkeit, sich mit Ängsten auseinanderzusetzen", Ruth Beckermann. - © apa/Hochmuth
"Kunst ist eine Möglichkeit, sich mit Ängsten auseinanderzusetzen", Ruth Beckermann. - © apa/Hochmuth

"Wiener Zeitung": Sie sind heuer Gastgeberin der Künstlergespräche im Forum Alpbach (21. August) und haben dafür das Motto "Keine Angst" ausgegeben. Ist das auch Ihr Lebensmotto?

Ruth Beckermann: Das versuche ich zumindest. Ich hatte das Glück, in einer Zeit erwachsen zu werden, in der man mit Konventionen brechen wollte. In den 1970er Jahren hat man sich viel getraut, im Privaten wie in der Arbeit, in Kunst und Politik. Ich war immer auf der Seite der Rebellen. Dadurch habe ich mir nicht nur Freunde gemacht, wäre ich angepasster gewesen, hätte ich vermutlich eine ganz andere Karriere machen können. Rückblickend bin ich zufrieden, diesen Weg gewählt zu haben, weil ich mich nie verbogen und meistens das gemacht habe, was ich wollte.

Nach welchen Kriterien haben Sie Ihre sechs Gäste ausgewählt?

Es ging mir um Menschen, die unübliche Entscheidungen getroffen haben; sich im Leben wie in der Kunst Ängsten gestellt haben. Kunst ist eine passable Möglichkeit, um sich mit Ängsten auseinanderzusetzen. In den Gesprächen werde ich keine Karriereetappen abfragen, es geht vielmehr um einen Austausch von Gedanken und Ideen.

Viele Ihrer Filme verhandeln das fehlende Geschichtsbewusstsein im Österreich der Nachkriegsjahre. Vor allem Ihr jüngster Dokumentarfilm "Waldheims Walzer", 2018, sorgte für Furore. Welche Bedeutung hatte rückblickend die Waldheim-Affäre?

Das war wohl eines der wichtigsten Ereignisse in Österreich nach 1945. Ein Wendepunkt, an dem eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit des Landes begann. In den darauffolgenden Jahren hat sich das historische Bewusstsein in öffentlichen Reden und Stellungnahmen sowie im Schulunterricht sehr zum Positiven verändert.

Bei den Anti-Waldheim-Demonstrationen haben Sie, wie man in "Waldheims Walzer" sehen kann, als Aktivistin und Chronistin teilgenommen. Wie war das damals?

Frustrierend. Es zeichnete sich ab, dass unser Protest zwar ehrenhaft sein mag, aber nicht zum Erfolg führen wird, weil Kurt Waldheim dennoch gewählt werden würde. Der Antisemitismus, der allerorts wieder hochkam, war erschreckend. Gefilmt habe ich vor allem deshalb, weil uns alle anderen Medien ignorierten. Dass daraus jemals ein Film werden würde, hätte ich nicht gedacht.