Welcher Festivalchef kann sich denn so etwas erlauben? Eine knackige Frau im Bikini zu posten, die sich am Strand vor seiner Kamera räkelt. Darunter die Zeile: "Was gibt es Besseres, als Ferragosto am Strand mit einer schönen Frau zu verbringen?"

Der Strand: am Lido von Venedig. Der Mann: Alberto Barbera, 69 Jahre alt, seit 2011 Chef der "Mostra del Cinema" am Lido von Venedig, des ältesten Filmfestivals der Welt. Und die Frau: "Meine Frau." Alles andere wäre unentschuldbar.

Alberto Barbera gerät damit nicht in #MeToo-Verdacht, wenngleich der aus dem Piemont stammende Italiener doch wie ein ziemlich klassischer Repräsentant des "alten, weißen Mannes" wirkt, jenes Feindbildes, das man jetzt so lange medial geprügelt hat. Ein Mann, der aus der "guten, alten Zeit" kommt, in der man den Frauen noch die Tür aufgehalten hat. In Italien gibt es diesen Typ Mann noch. Barbera ist einer von ihnen, er legt Wert auf Höflichkeit, Charme und feines Tuch.

Und er ist ein Experte des Kinos, und zwar einer, der seine Filmschau zurück an die Weltspitze gebracht hat, nach jahrelangem Dahindümpeln an einem optisch wie infrastrukturell dahinvegetierendem Lido von Venedig. Die Wende schaffte er schon vor ein paar Jahren: Die Straßen wurden renoviert, die Filme wurden besser, zuerst künstlerisch, und dann kamen auch die Stars wieder, denn Hollywood weiß: Es gibt terminlich keine bessere Startrampe für die "Awards Season" als Venedig. Was hier Weltpremiere hat, wird immer öfter auch durch alle anderen folgenden Preisverleihungen geschleift, bis hin zum großen Höhepunkt, dem Oscar im Februar. Beispiele? "Roma", "La La Land" und "Shape of Water", alles hochdekorierte Filme der letzten drei, vier Jahre.

Kontakte nach Hollywood

Und kein Pressefoto lässt sich besser verkaufen als Brad Pitt oder George Clooney auf einem Boot in Venedig, da kommt das prestigeträchtige, aber wenig bildgewaltige Festival in Toronto nicht mit, das fast zeitgleich stattfindet.

Barbera hat zur richtigen Zeit die richtigen Maßnahmen gesetzt. Hat seine Kontakte nach Hollywood spielen lassen, um die ganz Großen anzulocken. Hat einen Deal mit Netflix gemacht und zeigt die Produktionen des Streaming-Portals (auch heuer wieder) in großer Zahl. Hat das Asbest-Loch vor dem Palazzo del Cinema und dem Casino am Lido - beides Mussolini-Bauten - nach Jahren zuschütten lassen, begrünt und ein Kino draufgestellt.

Aber im Jahr zwei nach #MeToo gerät der Chef auch vermehrt in die Kritik, und das nicht, weil er besagtes Foto mit seiner tatsächlichen Ehefrau Giulia Rosmarino gepostet hat (das höchstens illustriert, wie ein stolzer Italiener sich über seine viel jüngere Ehefrau freut). Sondern, weil er in diesem Jahr mit seiner Programmauswahl auch ein gewisses Wagnis eingegangen ist, und zwar in mehreren Punkten.