Es ist immer ein großer Schritt für einen Regisseur, außerhalb der eigenen Heimat, oder noch besser: außerhalb des eigenen Kulturkreises zu arbeiten. Hirokazu Kore-eda, der gefeierte japanische Filmemacher, hat es mit "La Vérité" versucht; ein Film, der in Frankreich spielt und auf Französisch und Englisch gedreht wurde. Noch dazu ist der Film besetzt mit Legenden des Kinos: Catherine Deneuve spielt die Hauptrolle, Juliette Binoche ist als ihre Filmtochter zu sehen, Ethan Hawke ist die Zutat aus den USA und spielt Binoches Ehemann.

Die Deneuve, inzwischen 75 Jahre alt und mit Ikonenstatus, spielt im Film quasi sich selbst: Eine gealterte Schauspielerin, dereinst ein Superstar, heute eine Legende, die an ihrer Konkurrenz von damals und den jungen Starlets von heute kein gutes Haar lassen kann (was für komische Seitenhiebe sorgt). Ihre Tochter und deren Mann reisen an, weil die Diva ein Buch mit Lebenserinnerungen veröffentlicht hat, das "La Vérité" heißt - "Die Wahrheit". Dummerweise findet sich das Umfeld der Schauspielerin darin aber gar nicht wahrheitsgetreu abgebildet, was für Spannungen sorgt. Und auch die Schwester der Diva, früh bei einem Autounfall verstorben, geistert bei diesem Wiedersehen auffällig oft durch die Erinnerungen aller Beteiligten.

Strahlend am roten Teppich: Catherine Deneuve und Juliette Binoche - © Katharina Sartena
Strahlend am roten Teppich: Catherine Deneuve und Juliette Binoche - © Katharina Sartena

Auffällig sind die tatsächlichen Parallelen zwischen Deneuves Karriere und jener ihrer Filmfigur. Für die BB (Brigitte Bardot) hat sie im Film nur abfällige Bemerkungen über, denn die betrachtet sie nicht als wahre Schauspielerin. Und auch, dass Deneuves Schwester Françoise Dorléac im Jahr 1967 erst 25-jährig bei einem Autounfall starb, deckt sich frappant mit dem Plot.

Hirokazu Kore-eda hat aus dem dialoglastigen Drama jedoch kein Rührstück gemacht, sondern zieht sich vielmehr darauf zurück, was er am besten kann: Zwischenmenschliche Töne aufzuspüren, auch wenn sie noch so subtil sind, und sie akkurat abzubilden, in leisen, aber aussagekräftigen Momenten, die Schauspieler lieben, weil man da die große Kunst zeigen kann. Es ist auch ein (manchmal durchaus launiger) Film über die Schauspieler-Profession geworden, und da ist zuweilen eine ordentliche Prise (Selbst-)Ironie dabei - gerade bei der Deneuve.

Der Cast des Eröffnungsfilms "La verité" mit Regisseur Hirokazu Kore-eda - © Katharina Sartena
Der Cast des Eröffnungsfilms "La verité" mit Regisseur Hirokazu Kore-eda - © Katharina Sartena

Oder, wie es Festivalchef Alberto Barbera ausdrückt: "Das Zusammentreffen des Universums von Japans wichtigstem Filmemacher und zwei beliebten Schauspielerinnen wie Catherine Deneuve und Juliette Binoche hat die poetische Reflexion der Beziehung zwischen einer Mutter und ihrer Tochter hervorgebracht".

Es war auch Barbera, der bei der Pressekonferenz der Jury mit seiner diesjährigen Jurypräsidentin, der argentinischen Regisseurin Lucrecia Martel, aneinander geriet, nachdem diese die unterdurchschnittliche Frauenquote im Festivalprogramm bemängelte. "Dieses Jahr gab es über 2.000 Einreichungen, 23 Prozent davon waren Filme von Frauen", sagte Barbera in Venedig. "25 Prozent der im Festival laufenden Filme sind von Frauen gemacht - das entspricht dem durchschnittlichen Anteil im Filmgeschäft. Es stimmt, wir haben nur zwei Filme von Frauen im Hauptwettbewerb. Aber das einzige ausschlaggebende Kriterium für die Auswahl eines Films ist dessen Qualität." Für diese Ansicht war Barbera schon in der Vergangenheit in die Kritik geraten.