Die Deneuve, der Prototyp der französischen Filmdiva, darf sich selbst spielen, in Hirokazu Kore-edas Auftaktfilm der 76. Filmfestspiele von Venedig: Eine gealterte Frau, die ihrem Superstar-Image immer noch gerecht werden will, aber die Zeiten sind ein wenig anders geworden. Es ist nicht so ein krasser Abstieg wie ihn Billy Wilders Norma Desmond in "Sunset Boulevard" erleiden muss, aber es ist ein Abstieg auf Raten: Eine Diva, die sich plötzlich mit der familiären Vergangenheit auseinandersetzen muss und daneben noch ein Buch veröffentlicht: In "La verité" zieht sie eine geschönte Bilanz der eigenen Karriere, vergisst dabei aber, dass der Buchtitel "Die Wahrheit" ebensolche auch beinhalten sollte. Das findet auch ihre nach der Lektüre entsetzte Tochter (Juliette Binoche) - und die zwischenmenschlichen Verstimmungen, eine Spezialität von Hirokazu Kore-eda, nehmen ihren Lauf. All das wirkt gefällig, manchmal selbstironisch, immer kokettierend mit der Filmgeschichte und mit Deneuves tatsächlicher Karriere, obwohl sie hier einen fiktiven Filmstar spielt, oder besser: ihn wiedergibt, denn es ist ihr Leben, was sich hier abbildet. Für einen Eröffnungsfilm ist "La verité" vielleicht eine Spur zu selbstverliebt, denn es geht schließlich um selbstverliebte Menschen, das zeigt der japanische Regisseur deutlich: Ohne diese Selbstverliebtheit wäre der Beruf des Schauspielers gar nicht denkbar.

Brad Pitt fliegt zum Neptun in "Ad Astra". - © Centfox
Brad Pitt fliegt zum Neptun in "Ad Astra". - © Centfox

Schlamm und Dreck

Alles andere als selbstverliebt, dafür mit umso mehr Selbstbewusstsein ausgestattet ist die Heldin in Haifaa Al Mansours "The Perfect Candidate". Die Regisseurin ist eine von nur zwei Frauen, die es in den diesjährigen Wettbewerb geschafft haben, was Festivalchef Alberto Barbera erneut einiges an Kritik eingebracht hatte, die er jedoch mit dem Verweis auf die Qualität als wichtigstes Auswahlkriterium eines Films weglächelte.

Brad Pitt in Venedig: Fan-Geschrei ohne Ende - © Katharina Sartena
Brad Pitt in Venedig: Fan-Geschrei ohne Ende - © Katharina Sartena

In "The Perfect Candidate" geht eine Ärztin aus Saudi-Arabien auf die Barrikaden, weil sie seit Jahren verzweifelt versucht, die Zufahrtstraße zu ihrer Klinik endlich asphaltieren zu lassen und vom Schlamm und Dreck zu befreien, durch den die Krankenwagen die Patienten ankarren müssen. Aber sie stößt nicht nur in dieser Situation auf taube Ohren in der saudischen, männerdominierten Realität: Männer wollen sich von ihr grundsätzlich nicht behandeln lassen. Das empört sie zusehends, sodass sie sich als Kandidatin für den Stadtrat aufstellen lässt, um endlich Änderungen zu erwirken. Trotz eines übermächtigen männlichen Gegners kommt ihre Kampagne überraschend gut an. Der Film, der überwiegend mit deutschen Fördergeldern hergestellt wurde, macht energisch auf den Alltag der Frauen in Saudi-Arabien aufmerksam.

Starvehikel mit Brad Pitt

Energisch ist auch die Art, wie James Gray sein Astronautendrama "Ad Astra" inszeniert, der hier ebenfalls im Wettbewerb antritt und ein Star-Vehikel vom Format von Damien Chazelles "Aufbruch zum Mond" ist, der erst im Vorjahr das Venedig-Festival eröffnet hatte. Roy McBride (Brad Pitt) ist Raumfahrt-Ingenieur. Vor zwanzig Jahren ist sein Vater (Tommy Lee Jones) zum Neptun aufgebrochen und nicht mehr zurückgekehrt. Nun möchte Roy herausfinden, was passiert ist - doch die Mission wird mehr und mehr zur Katastrophe.

"Ad Astra" erforscht die psychologischen Auswirkungen der Raumfahrt auf die Einsamkeit der Raumfahrer, gewinnt dem Thema aber kaum neue Aspekte ab. Zwar liefert das Script viele Ideen, wie Raumfahrt in wenigen Jahrzehnten aussehen könnte, gesehen hat man das aber schon öfter. "Ad Astra" bringt sich aber - wie für eine Hollywood-Premiere in Venedig üblich - rechtzeitig in Stellung für die Filmawards der kommenden Saison.