Ein bisschen widerspenstig darf man schon sein. Kristen Stewart hat das zu ihrem Prinzip erkoren. Sie ist nach ihrer Weltkarriere in den Teenie-Schlafzimmern als Bella Swan unsterblich geworden, doch der "Twilight"-Hype hat Spuren hinterlassen im Leben der 29-jährigen Schauspielerin. "Früher, als ich in diesem Beruf begann, war ich sehr unsicher. Der Ruhm war mir nicht geheuer". Doch Stewart hat gelernt, damit umzugehen und wird heute leichter damit fertig. Ein Grund dafür ist ihr Outing als Host der US-Show "Saturday Night Live", wo sie 2017 vor laufenden Kameras und an Präsident Donald Trump erklärte: "Donald, du hast mich damals schon nicht gemocht, und du wirst mich jetzt noch viel weniger mögen, denn ich bin sowas von homosexuell".

Seit diesem Outing spielt Stewart sichtlich befreiter auf, dreht immer wieder ungewöhnliche Arthaus-Filme, hat derzeit aber mit "Charlie’s Angels" und "Underwater" auch zwei potenzielle Blockbuster am Start. In Venedig stellte sie außer Konkurrenz ihren neuesten Film "Seberg" vor, in dem sie die US-Schauspielerin Jean Seberg mimt, optisch nicht unpassend und auch von der Überzeugung her durchaus mit Parallelen. "Auch ich kann, wie schon Jean Seberg, mit meiner politischen Überzeugung nicht hinterm Berg halten", sagte Stewart bei der Präsentation des Films in Venedig. "Ich habe jedenfalls keine Angst, meine Meinung zu sagen". Der Thriller "Seberg" von Benedict Andrews erzählt die Geschichte seiner Titelheldin aus einer etwas anderen Perspektive als vielleicht vermutet. Schließlich war Jean Seberg durch Jean-Luc Godards Nouvelle-Vague-Meisterwerk "Außer Atem" (1959) weltbekannt geworden, doch schon ein Jahrzehnt später war Seberg bei den US-Behörden in Ungnade gefallen: Das FBI hatte sie im Rahmen des illegalen Überwachungsprogramms Cointelpro bespitzeln lassen, weil sie eine Romanze mit dem Civil Rights-Aktivisten Hakim Jama unterhielt und die Black Panther Party unterstützte. Seberg starb vor genau 40 Jahren unter nie ganz geklärten Umständen in Paris, vermutet wird ein Zusammenhang mit der FBI-Untersuchung; alles sah damals sehr nach Selbstmord aus.

"Ihrer Zeit voraus" 

"Jean Seberg hatte diesen Hunger in den Augen, den man sehen konnte und der sie fast hat von der Leinwand springen lassen", beschreibt Stewart ihre Rolle. "Und sie war ihrer Zeit voraus: Sie propagierte Menschlichkeit als alternativlos, als ihre Umwelt damit noch nichts anfangen konnte".

Etwas, das sich Stewart auch für sich gut vorstellen könnte: "Ich stehe zu meinen Überzeugungen, das ist sicher. Und auch, wenn ich mich nicht zu jedem Thema politisch äußern will, so ist es doch aus meiner Rollenwahl und meinen Filmen ersichtlich, wie ich denke. Ich glaube, es spricht für sich, und ich bin dankbar, diese Möglichkeit zu haben, mich mitzuteilen".