Bei seiner letzten Weltmeisterschaft 1994 in den USA hat der italienische Fußballgott Diego Armando Maradona in einem Interview gesagt: "Hier wirst du schon verwarnt, wenn du atmest." Dass die Schiedsrichter so happig auf den Fußballspieler waren, hatte natürlich einen Grund: Zu diesem Zeitpunkt war die Karriere Maradonas längst vorbei, nur seines Namens wegen spielte er noch, es umgab ihn ein Hauch Nostalgie. Aber auch die zerstörte er sich selbst, als man ihn (wieder einmal) des Dopings überführte und vom Turnier ausschloss.

Maradona Superstar, am Höhepunkt seiner außergewöhnlichen Karriere. - © Shutterstoc/ap/Meazza Sambucetti
Maradona Superstar, am Höhepunkt seiner außergewöhnlichen Karriere. - © Shutterstoc/ap/Meazza Sambucetti

Dem vorangegangen war die vielleicht fulminanteste Weltkarriere eines Fußballers, die es je gegeben hat - sogar Pele sah gegen die Rasanz und Turbulenz von Maradonas Leben alt aus. Niemand hat mehr Auf und Ab erlebt im Fußball, aber niemand hat auch so göttliche Spielzüge gespielt wie dieser Maradona, der aus ärmlichen Verhältnissen stammte und als Kind mit dem berühmten Fetzenlaberl spielte, das auch österreichische Kinder der Nachkriegszeit kannten, als Bälle Mangelware waren.

Medienhatz

Maradona liebte aber auch die Provokation: Und so ging er als Spieler ausgerechnet nach Napoli, in den 80er Jahren die Kloake Italiens, mit Armenvierteln, der Cosa Nostra und einem Fußballclub mit Verliererimage. Doch bei Napoli wendete allein Maradona das Blatt und verhalf dem heruntergekommenen Club zurück auf die Siegerstraße, bis hin zum Meistertitel.

Das brachte auch einen Aufschwung für die ganze Stadt, man weiß ja, wie wichtig Fußball den Italienern ist. Und es brachte Maradona neue, falsche Freunde: Hochrangige Mitglieder der Gomorrha, der Mafia, die ihn besuchten, umgarnten, sich mit ihm fotografieren ließen: Maradona war vereinnahmt worden, erpressbar gemacht durch seine Drogensucht, monatelange Koks-Eskapaden, dazwischen harte Trainings und Tore, Tore, Tore.

Am Ende seiner Karriere bei Napoli hat man ihn aus der Stadt gejagt, sprichwörtlich. Dass er 1986 mit Argentinien Weltmeister wurde und dieses Kunststück 1990 bei der WM in Italien wiederholen wollte, brachte den endgültigen Bruch mit den Italienern: Ausgerechnet in Neapel fand das Halbfinalspiel Argentinien gegen Italien statt, und es war Maradona, der die Italiener beim Elferschießen mit seinem 5:4 aus dem Turnier kickte. Blöd gelaufen. Aber Argentinien war erst mal weiter. Es scheiterte im Finale an Deutschland und Andreas Brehmes Foulelfmeter fünf Minuten vor Schluss.

All diese tragischen Momente dieser außergewöhnlichen Fußballkarriere verknüpft die Doku "Diego Maradona" von Asif Kapadia nun in einem dichten Filmporträt, das sich anfangs ein wenig schwer tut, in die Materie zu finden, aber bald schon gehörig Fahrt aufnimmt und etliche der besten Maradona-Tore zeigt; es gibt also für Fußballfans einige Höhepunkte.

Die Doku zeigt aber auch negative Aspekte von Maradonas Promi-Status auf: Er wurde wie ein Gott gefeiert und wie der Teufel verjagt. In diesem Spannungsfeld fand eine Medienhatz auf Maradona statt, die ihresgleichen sucht. Diesen kritischen Blick gönnt sich die Doku ebenfalls, und auch den Blick auf eine unter chaotischen Zuständen leidende italienische Seele. Seit den 80ern, das weiß man nach dieser Doku, hat sich in Italien rein gar nichts verändert. Matthias Greuling